Ein Romanheld aus der Facebook-Maschine: Zwirbler.
Ein Romanheld aus der Facebook-Maschine: Zwirbler.

Wien. "Zwirbler träumt an seinem Geburtstag von einem misslungenen Piercing, einer blutenden Frau und koreanischen Essstäbchen, die eine Wunde verschließen sollen. Auch Whisky, Weihnachten und der Name Inge spielen eine Rolle." So begann der Facebook-Roman "Zwirbler" am 1. Juli 2010. Seitdem ist viel passiert, zumal nicht nur ein Autor diesen Roman verfasst, sondern gleich hunderte.

Hinter "Zwirbler" steckt der Autor und Kommunikationsexperte Gergely Teglasy oder TG, wie er sich selbst nennt. Der gebürtige Ungar studierte Theaterwissenschaft an der Uni Wien und unterrichtet derzeit an der Universität für Publizistik. TG wollte abseits der banalen Facebook-Meldungen etwas Gehaltvolles mit dem neuen Medium machen, wie er erzählt. "Eine kreative Spielwiese für alle", sollte es sein.

Kollaboratives Schreiben


Die Idee, einen Roman im Kollektiv zu schreiben, gab es schon vor dem sozialen Netzwerk Facebook. Die literarischen Versuche im Zuge des kollaborativen Schreibens scheiterten jedoch alle, da "jeder die Hauptfigur des anderen sofort sterben lässt", sagt TG zur "Wiener Zeitung". Deshalb gibt er die Feder nicht aus der Hand.

Seit eineinhalb Jahren schreibt er alle zwei oder drei Tage ein Stück seines Romans auf Basis der Meldungen seiner Mitschreiber. Jeder Status hat maximal 420 Zeichen. Den Charakter des "Zwirbler" kreierte er zu Beginn selbst, die Handlung wird von den Usern vorgeschlagen. Jedes Stück Text von ihm erhält unterschiedlich viele Kommentare der anderen. Aus diesen Kommentaren wählt er dann wieder aus, um seinen nächsten Status zu verfassen. Teilweise werden die Passagen der Kommentatoren wörtlich übernommen. Der Roman umfasst derzeit 340 Statusmeldungen, das entspricht etwa 90 Buch-Seiten. Über 7000 Facebook-Nutzer folgen dem Autor bereits. Etwa zehn Prozent davon schreiben mit. Der Rest sind Zaungäste.

Die Handlung über einen Mann, der sich auf die Suche nach seiner Schwester macht, enthält kriminaltechnische Aspekte, lässt sich aber keinem eindeutigen Genre zuordnen. Neben Ausflügen in die Machenschaften von Pharmakonzernen - seine Schwester ließ sich im Zuge einer Medizin-Studie befruchten und wird anschließend verfolgt - macht sich die Hauptfigur in erster Linie Gedanken über die Welt. Er ist ein Denker, ein Philosoph, "der Gedanken zwirbelt": "Zwirbler wird noch Zeit gegeben, den Gedanken zu ordnen. Bewegungslos sitzt er inmitten der stummen zwielichtigen Stehenden und beobachtet. Frauen zu verstehen, ist wie das Erlernen einer fremden Sprache: Am Anfang ist man ratlos, bald schafft man es einzelne Worte, kleine Gesten zu deuten, und wenn man glaubt, sie zu verstehen, kommt eine Formulierung, die einem bewusst macht, dass man das Geheimnis niemals ganz lüften wird", stand am Donnerstag geschrieben.

Kollaboratives Filmen


Im selben Monat als der "Zwirbler" aus der Taufe gehoben wurde, entstand ein ähnliches Projekt. Regisseur Ridley Scott verwirklichte seinen Dokumentarfilm "Life in a Day". Er rief jeden auf der Welt auf, an einem Tag, dem 24. Juli 2010, einen kurzen Film aus seinem Leben zu drehen und ihm zu schicken. Es ist der erste Film, der komplett aus Beiträgen von Nutzern der Videoplattform YouTube besteht.

Ein leicht gemachtes Projekt, bei dem jeder mitmacht und nur einer verdient? "Ich mache es mir nicht leicht, im Gegenteil, ich mache es mir schwer", sagt TG. Es sei nicht einfach, über eine so lange Zeit so viele Kommentare durchzuforsten und daraus einen eigenen Roman zu machen. Die Mitschreiber werden zu Beginn darüber informiert, dass aus ihren Beiträgen keinerlei Rechte für eine etwaige Verwertung bestehen. Denn Interesse seitens Verlagen gibt es laut TG bereits. Wann der Roman zu Ende ist, könne man noch nicht sagen. "Er endet, wenn er endet. Das kann auch schon in ein paar Wochen sein", so TG.

Ein weiterer "erster Facebook-Roman der Welt" kam Anfang 2011 heraus. Das Buch "Statusmeldung" von Fabian Burstein ist allerdings kein Roman, der mit Facebook produziert wurde, sondern die Geschichte eines Mannes, der eigentlich nur als digitales Pseudonym im sozialen Netzwerk existiert. Er führt ein virtuelles Leben mit unzähligen Facebook-Freunden, jedoch ohne Verbindlichkeiten. Die sozialen Netzwerke bieten viel Platz für eine gemeinsame Kreativität. Ob der einzelne Ideengeber dabei auf der Strecke bleibt, ist eine andere Frage.