Niklaas und sein einzig treuer Lebensgefährte: der Hund Patrasch.
Niklaas und sein einzig treuer Lebensgefährte: der Hund Patrasch.

"Ja, auch ich bin ein Opfer von Perrine." So lautet eine Facebook-Seite, die sich scherzhaft als "Amt für depressive Zeichentrickserien" versteht. Wenn sich 1970er-Jahrgänge über das Fernsehen ihrer Kindheit unterhalten, geht es kaum um Lebensfreude oder Frohsinn. Vielmehr werden viele traurige Geschichten erzählt, begleitet von Gefühlen der Schwermut und Hoffnungslosigkeit. Es geht um Geschichten, die zumindest aus Sicht der Erwachsenen heute nur schwer zu verkraften gewesen sein müssten. Mit zugeschnürter Kehle und schwerem Herzen werden Erinnerungen wach. "Wenn die Nacht, mit ihrer klaren Sternenpracht, über unsere Träume wacht, dann weine nicht, Perrine", so der Titelsong der gleichnamigen Serie. Die Gefühle dazu sitzen bei dieser Generation tief. "Sie hat Baron, ihren Hund in den Wahnsinn getrieben und sie versuchte es auch mit uns. Mit aller Kraft mussten wir uns aus den depressiven Klauen Perrines befreien und konnten nur mühsam wieder ins normale Leben zurückfinden", schreibt etwa der Gründer der Facebook-Gruppe. "Dagegen war Wir Kinder vom Bahnhof Zoo hochgradig lebensbejahend", so ein Mitglied, "Perrine ist schuld, dass wir Generation X sind, ohne Hoffnung."

Über all den Kinder-Serien von damals schwebt ein Wirrwarr an Gefühlen: Existenzängste, Frustration und Verzweiflung. Perrine, die mit ihrer kranken Mutter mit einem von einem Esel gezogenen Wagen auf der Suche nach ihrem Großvater ist. Niklaas, der Junge aus Flandern, der einen armen, fast zu Tode geprügelten Hund rettet.

Pinocchio, der Folge für Folge auf den Fuchs und den Straßenkater hineinfällt. Die Maus am Mars, die immer alleine ist, aber es nicht sein wollte. Puschel das Eichhörnchen, das in jeder Folge mit vor Angst geweiteten Augen vor den vielen Waldbränden davonläuft. Und vor den Mummins fürchten sich viele noch heute. Die Serien haben eines gemeinsam: Es sind meist Geschichten über Waisenkinder. In 25-minütiger Länge geht es ans Eingemachte, um die nackte Überlebensangst, und das über einige Monate hinweg. Denn es sind keine Filme mit abgeschlossener Handlung, sondern Serien mit meist 52 Folgen. Ob die Handlung einen guten oder schlechten Ausgang nehmen würde, war für die kindlichen Zuschauer mittendrin nicht ersichtlich.

Werke des 19. Jahrhunderts

Die Geschichte der japanischen Zeichentrickserie "Perrine" geht auf den französischen Schriftsteller Hector Malot zurück, der im 19. Jahrhundert, zur Zeit der industriellen Revolution, zahlreiche Entwicklungsromane verfasste. Perrine ist die Hauptfigur im Roman "En famille". Ein weiteres Werk Malots ist "Sans Famille - Heimatlos". Es erzählt die Geschichte eines Jungen, der schon als Säugling seinen Eltern geraubt wurde, seiner Ziehmutter im Alter von acht Jahren weggenommen und an einen Straßenkünstler verkauft wurde. In "En Famille" wird die kleine Perrine zur Vollwaise, als nach dem Tod ihres Vaters nun auch ihre Mutter auf der Reise in Paris stirbt. So muss sie sich alleine mit ihrem Hund Baron auf die Suche nach ihrem Großvater machen, der jedoch nichts mit ihr zu tun haben möchte.

Die Kinder-Zeichentrickserien der 1970er und 1980er Jahre kamen aus derselben Schmiede: aus dem japanischen Zeichentrickfilmstudio Nippon Animation (vormals Zuiyo Enterprises). Den Anfang machte die Anime-Serie "Heidi" nach dem gleichnamigen Roman der Schweizer Schriftstellerin Johanna Spyri, erschienen im Jahr 1880. Im Jahr 1974 kam die Serie ins japanische und 1977 ins deutsche Fernsehen. Heidi war das erste Waisenkind im gezeichneten TV. Ihre Eltern starben, als sie ein Jahr alt war. Danach kümmerte sich ihre Tante Dete um sie. Als diese ein Jobangebot in Frankfurt erhält, war ihr Heidi im Weg, und so bringt sie die Fünfjährige zu ihrem als mürrisch verschrienen und ihr unbekannten Großvater auf die Alm. "Dete, man kann Kinder nicht einfach so verpflanzen", sagt eine Dorfbewohnerin. Doch Heidis Tante zeigt sich erbarmungslos und liefert das kleine Mädchen beim Großvater ab.

Konsumverwöhnte Kinder

Nach dem Erfolg von "Heidi" produzierte Nippon Animation jedes Jahr eine Serie auf der Grundlage eines internationalen literarischen Werkes, darunter "Marco" und "Anne mit den roten Haaren". Romane, die von Waisenkindern handeln und aus dem 19. Jahrhundert stammen. So auch der Roman "The Dog of Flanders" der britischen Schriftstellerin Marie Louise de la Ramée, in dem der Junge Niklaas sein Leben in ärmlichen Verhältnissen bestreitet. "Ich kenne niemanden, dem es so schlecht geht wie Niklaas", schreibt ein Mitglied der Opfer-von-Perrine-Facebook-Gruppe.

Für Medienwissenschafter Peter Vitouch, der viele Jahre Beirat des Kinderprogrammes "Sesamstraße" war, war die geballte Ladung an armen Kindern im Fernsehen zu dieser Zeit "ein Gegensteuern". "Man hat den Kindern ein Programm geliefert, um ihnen zu zeigen, wie großartig es ihnen heute eigentlich geht", sagt Vitouch zur "Wiener Zeitung". Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zogen die Süßigkeiten in die Regale der Supermarktkassen ein. Die Kinder bekamen Taschengeld. Die Konstituierung der Familie als heile Welt samt materiellem Besitz ist zum wesentlichen Gut geworden. Kinder ohne Eltern sind die Ärmsten der Armen. Auch ein pädagogischer Ansatz sei zu spüren gewesen: "Wie schlecht es Kindern gehen kann, wenn sie nicht brav sind" - das würden sie im Fernsehen sehen.