Wien.

Auch Spaß muss sein - doch in welchem Rahmen?
Auch Spaß muss sein - doch in welchem Rahmen?
Der Wert eines öffentlich-rechtlichen Senders für die Öffentlichkeit nennt sich "Public Value". Die Spielregeln dafür sind jedoch alles andere als klar definiert. Der ORF muss sich immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, mehr der Quote als dem öffentlichen Auftrag zu dienen. Er wiederum verweist auf den sehr wohl gelieferten Public Value, für den er ja auch schließlich die öffentlichen Gebühren erhält.

"Public Value" - woher kommt der Begriff eigentlich? "Aus der amerikanischen Managementtheorie", sagt Medienwissenschafter Matthias Karmasin zur "Wiener Zeitung" und erklärt kurz die Geschichte eines Begriffs, der dem ORF nun schon seit längerem anhaftet. Es sind Kriterien für Unternehmen, die keine Kunden haben, bei denen Gewinnmaximierung nicht an oberster Stelle steht und politische Entscheidungsträger kaum Einfluss haben. Ziel des Public Value ist laut Karmasin die Zufriedenheit aller Beteiligten.

Zunächst nach England importiert, zogen der Begriff und dessen Umsetzung in Kulturbetriebe wie Opernhäuser und in der BBC ein. Anschließend definierten ZDF und ARD den Public Value für sich, bis er schließlich Österreich erreichte. "Bei uns wird der Begriff jedoch nicht als Managementbegriff verwendet, sondern vielmehr als Gebührenlegitimation", sagt Karmasin.

Die Definition von Public Value ist in den Ländern verschieden, so wie die Maßnahmen, die ergriffen werden. Derzeit läuft eine Debatte in Europa darüber, wer aller denn Public Value für sich beanspruchen kann. Haben auch private Medienunternehmen, wenn sie ein für die Öffentlichkeit wertvolles Programm liefern, Anspruch auf Förderung?

"Gebührensplitting"


Ein Modell, welches derzeit diskutiert wird, heißt "Gebührensplitting": Jeder, der Public Value anbietet, ob privat oder öffentlich-rechtlich, ob TV, Tageszeitungen oder digitale Medien, sollte laut Karmasin demnach eine Medienförderung bekommen. Denn für den Medienwissenschafter ist eines klar: Qualität von Öffentlichkeit und Qualität von Demokratie gehen Hand in Hand. Die gesamte Presseförderung könnte dahingehend organisiert werden. Denn Public Value sei ein öffentliches Gut, welches allgemein zu finanzieren ist.

Und welche Regeln sollten dafür gelten? "Wenn ein Medium etwa einen Ehrenkodex hat, einen fixen Anteil angestellter Redakteure, einen bestimmten Frauenanteil, einen Migrationsanteil, einen Code of Conduct . . . die operablen Kriterien sind zu definieren." Dafür sei eine Medienförderung wichtig. Allein der moralische Teil, das Reden über Transparenz und politische Unabhängigkeit, sei zu wenig, "man muss Public Value fordern und fördern", so Karmasin. "Moral allein genügt eben nicht."

Der ORF bemüht sich indes um politische Unabhängigkeit. Am Mittwoch diskutieren zahlreiche Experten über die "Informationsqualität". "Der Großteil des Programms des ORF ist aber nicht die Information", gibt Karmasin zu bedenken. Für ihn gehört die Unterhaltung im ORF auch weiterhin im Hinblick auf den Public Value diskutiert. Es ist fraglich, so Karmasin, ob ein Format wie die Faschingssendung "Narrisch guat" wesentlich für den öffentlichen Mehrwert ist. Denn dort würden unter anderen auch rassistische Bemerkungen gemacht. Kann das dem Public Value entsprechen?

Immerhin hat der ORF bereits seinen Code of Conduct ausgearbeitet. In näherer Zukunft soll er von ORF-Chef Alexander Wrabetz unterzeichnet werden. Ein Ehrenkodex hält wichtige Spielregeln fest: Darf ich als Journalist einen Politiker duzen? Muss ich in einer Kolumne offenlegen, dass meine Ehefrau in einem Institut arbeitet, über das ich berichte?

Mit dem überarbeiteten Code of Conduct hat zumindest der ORF schon mal Verhaltensregeln beim Produzieren von öffentlichem Mehrwert.

Zur Person

Matthias Karmasin,

geboren 1964 in Wien, ist Professor des Instituts für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt Wien Graz. Er ist wissenschaftlicher Leiter im Medienhaus Wien.