Burma/Oslo. Eine ganze Weile schon läuft der junge Mann im blauen Wickelrock und einem sorgfältig gebügelten weißen Hemd in der Nähe der Shwedagon-Pagode - das Wahrzeichen des Landes - umher. Unter seinem Arm klemmt eine Ausgabe der Juntazeitung "The New Light of Myanmar". Das ist das verabredete Zeichen. Er will nicht mit einem Ausländer gesehen werden. Deswegen muss man ihm in ein Slum-Viertel der burmesischen Stadt Rangun folgen. Erst in der Wohnung eines Freundes begrüßt er einen. Sein Händedruck ist so weich, als hätte er keine Knochen. Er schaut immer wieder aus dem Fenster, lässt seinen Blick über die Straße schweifen. "Nennen Sie mich Nyan Win", sagt er. Hier sei damals ihre Zentrale gewesen. "Morgens diskutierten wir und zogen dann los, um der Welt zu zeigen, dass wir von brutalen Generälen beherrscht werden."

Viereinhalb Jahre sind vergangen, seit die Machthaber abermals gegen das Volk vorgegangen sind. Ende September 2007 waren Hunderttausende auf den Straßen und hatten demokratische Reformen verlangt. Die friedliche "Safran-Revolution" war von den Militärs mit Waffengewalt niedergeschlagen worden. Hunderte Mönche und Oppositionelle kamen ins Gefängnis, gingen in den Untergrund oder flohen ins Ausland.

Nyan Win sagt, er habe sein Leben lang auf diesen Moment gewartet. Schon immer habe er sich für die Demokratie einsetzen wollen, aber aus Angst geschwiegen. Bis zum September 2007 hat er sich nicht journalistisch betätigt, er gehörte keiner regimekritischen Gruppe an. Er ist Rikschafahrer, muss seine Familie mit den wenigen Kyat über die Runden bringen, die er verdient. Es sei Zufall gewesen, dass er zum Netzwerk von Undercover-Journalisten der "Democratic Voice of Burma" (DVB) gestoßen sei. Der Sender wird von Exil-Burmesen betrieben und hat seine Zentrale im norwegischen Oslo. Neben fünfzig Journalisten berichten etwa fünfzig Bürger-Reporter verdeckt aus Burma. Weil Nyan Win nicht auf der Straße demonstrieren wollte, nur "um mich dann dort erschießen zu lassen", hat er sich der Gruppe angeschlossen.

Ein Netzwerk einheimischer Videoreporter übermittelte zwei- bis dreimal am Tag per Internet Botschaften, Fotos und Digitalfilme der Proteste. Die Bilder waren oft von technisch magerer Qualität, aber hochbrisant. Einer von Nyan Wins Mitstreitern hielt fest, wie ein burmesischer Soldat den japanischen Journalisten Kenji Nagai auf offener Straße geradezu hinrichtete. Weil die Videoreporter heimlich drehen mussten, ist vieles auf Hüfthöhe gefilmt. Es sind verwackelte Szenen demonstrierender Mönche und grobkörnige Aufnahmen aufmarschierender Sicherheitskräfte.

Bis heute arbeiten die Videoreporter im Verborgenen. Sie riskieren Folter und lebenslange Haft. Es gilt nicht nur, ungesehen zu filmen, sondern auch das Material aus dem Land zu schmuggeln. Dass es den Generälen nicht gelang, den Nachrichtenfluss zu unterbinden, ist ein Glücksfall. Denn bei der blutigen Niederschlagung der Aufstände von 1988 war noch kaum Material zu bekommen, von der ausländischen Presse fast unbemerkt metzelte die Armee tausende Demonstranten nieder. Bei der "Safran-Revolution" tauchten ständig neue Bilder auf, die Weltöffentlichkeit nahm Notiz. Das Material wurde zunächst ins thailändische Chang Mai geschmuggelt, wo sich ein Büro des Senders DVB befindet. Von dort aus gingen die Nachrichten an die Zentrale in Oslo und dann per Satellit zurück nach Burma und in den Rest der Welt. Die Bilder liefen bei CNN und bei der BBC.

Im Oktober 2007 verkündete das burmesische Staatsradio, ausländische Saboteure hielten sich als Journalisten getarnt im Lande auf. "Wir werden sie zur Strecke bringen", sagte der Kommentator. Es war eine Warnung nach außen, aber sie war vor allem an die Burmesen gerichtet. Denn wer sich mit einem ausländischen Journalisten unterhält, der kann in ein Arbeitslager verschleppt werden. Der Blogger Nay Phone Latt, der zahlreiche Nachrichten an die Welt schickte, verbüßt jetzt eine zwanzigjährige Haftstrafe.

Doch das einst so streng abgeschirmte Land hat sich in den vergangenen Wochen zaghaft geöffnet. Seit Ende 2010 Thein Sein neuer Staatschef wurde, scheint sich langsam etwas zu ändern. 650 der prominentesten politischen Gefangenen wurden aus der Haft entlassen. Burmas bekannteste Dissidentin Aung San Suu Kyi darf wieder bei Wahlen antreten. Der Nobelpreisträgerin wurde sogar ein Regierungsamt in Aussicht gestellt.

Das Internet als Waffe

Trotzdem: Nur in Eritrea, Nordkorea, Turkmenistan und Iran wird die Meinungsfreiheit laut "Reporter ohne Grenzen" noch stärker eingeschränkt als in Burma. Das Militär kontrolliert die Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, ein Zensurkomitee wacht über alle Publikationen. Die überall aufliegende Staatszeitung "The New Light of Myanmar" wiederholt täglich dieselben Losungen: "Zermalmt alle destruktiven Elemente!", heißt es in der Rubrik "Was das Volk wünscht".

Für Regimegegner wie Nyan Win ist das Internet eine besonders wichtige Waffe. Obwohl die Militärregierung den Zugang zu den beiden staatlich kontrollierten Internet-Providern regelmäßig sperrt, Telefonleitungen kappt und Internet-Cafés schließt, dringen noch immer Informationen aus dem Land. Einige von Nyan Wins damaligen Mitstreitern seien nach Thailand geflohen, drei wurden verhaftet, das damalige Netzwerk sei fast nicht mehr vorhanden. Aber Nyan Win will weiter drehen, zuletzt verschickte er Material von den Wahlen. Oft denke er darüber nach, was er da eigentlich mache. Vor allem wenn er sich schlafen lege, überkomme ihn die Angst.

Ob er nicht manchmal verzweifle? Er denkt kurz nach, bevor er antwortet. "Doch, natürlich frage ich mich, was meine Arbeit überhaupt bringt", sagt er. "Aber soll ich nichts tun?" Zum Abschied gibt er einem seine weiche Hand. Dann steht Nyan Win geräuschlos auf und verschwindet im Gewusel der Hauptstadt. Er bleibt ungern irgendwo länger als ein, zwei Stunden.