Wohin führen uns die neuen Medien? Friedrich Krotz in Wien.
Wohin führen uns die neuen Medien? Friedrich Krotz in Wien.

Wien. Beim Auftakt der diesjährigen Hedy Lamarr Lectures sprach Medienspezialist Friedrich Krotz von der Universität Bremen über "soziale Beziehungen in mediatisierten Gesellschaften". Im Vordergrund stand dabei die Frage, wie sich soziale Beziehungen, unsere Kultur und der Alltag durch die digitalen Medien verändern. Es gibt heutzutage "neue Organisationsformen von Medien". Und im Mittelpunkt steht der Mensch, der "für sich entscheiden muss, was er tut". Dass man sich vor den Veränderungen fürchten sollte, weist Krotz von sich. Schon "Sokrates fand die Erfindung der Schrift gefährlich", heute fürchtet man sich eben vor der Entwicklung neuer Medien.

Krotz meint, dass nicht die Technik relevant sei, "sondern die sozialen, kulturellen Bedingungen. Die Art und Weise ihrer Verwendung" durch den Menschen. Dadurch, dass das Medium benutzt wird und von den Menschen in den Alltag eingebaut wird, kommt ihm erst Bedeutung zu.

In den letzten Jahren haben sich unterschiedliche neue Kommunikationsformen ergeben. Telefonierende oder Verfasser von Textnachrichten sieht man bereits an jeder Straßenecke. Und auch die nächste Generation der Technik steht uns bereits bevor. Die interaktive Kommunikation mit Maschinen, die "belebt werden" - in Japan ist das Leben mit dem "Roboterhund Aibo" bereits üblich. Es gab auch schon erste Versuche mit dem japanischen Computerhund in Altersheimen in Europa und mit Kindern. Letzteren fällt es leicht, "zwischen einem echten Hund, einem Stofftier und dem Roboter zu unterscheiden". Auch bei Kamelwettrennen werden Roboter eingesetzt, da sie leichter sind und mehr herausholen können als der Mensch.

Pseudo-soziale Beziehungen etwa durch interaktive Kommunikation (Streicheln eines Roboters, Pflegen eines Tamagotchis) spielen heute eine große Rolle im Leben des digitalen Menschen. Er "glaube nicht, dass dies gefährlich ist".

Vorteile der Digitalisierung


Die klare Trennung zwischen der realen und virtuellen Welt ist "nicht mehr aktuell". Heute benutzen wir verschiedenste Kommunikationswege via Handy, E-Mail oder Facebook - "Das alleine ist nichts Negatives", entscheidend sei, ob "die Bedingungen der Benutzung vernünftig sind". Die neuen Kommunikationsformen stehen Beziehungen zwischen Menschen nicht im Wege, im Gegenteil, denn die Digitalisierung bringt durchaus viele Vorteile. So sei die Gesellschaft nicht mehr vorrangig von räumlicher Nähe abhängig. Vielmehr rücken ehrliche Interessen, sportlicher Vereine etwa, in den Vordergrund, die über das Internet weltweit ausgetauscht werden können.

Die Art der zwischenmenschlichen Beziehungen bleibt unverändert. Facebook etwa generiert keine neuen Beziehungen zwischen Menschen, die es nicht schon gegeben hat. Es bietet uns vielmehr ein Umfeld an, in dem wir unsere sozialen Beziehungen organisieren können. Die "Vergemeinschaftung", also das, was wir schon immer getan haben, können wir nun auch im Internet tun. In dieser Chance liegt aber auch das Problem: Facebook stellt eine Organisation dar. Jedes Mal, wenn wir über soziale Netze kommunizieren, ist ein Dritter dabei. Nämlich jener, der die Organisation gestaltet und ein anderes Interesse hat als die Kommunikationspartner. Er versucht möglichst viele Daten von uns zu bekommen, "um uns zielgerecht mit Werbung zu versorgen", warnt Krotz. Facebook lasse außerdem nur das zu, was ihm selbst nützt, etwa gibt es keinen Dislike-Button. Darum hat das, was Internetanbieter wie Facebook oder auch Amazon tun, nichts mehr mit "social" zu tun.

Die Gesellschaft braucht den Mut, "gesicherte Räume zu schaffen, in denen Kinder sich auf ihre Weise entwickeln können" - und zwar nicht nach den Vorgaben von Facebook. Man muss sie warnen, welche Folgen unüberlegte Postings haben, auch wenn Kinder gleichzeitig Freiräume brauchen. Deswegen sollte die Schule hier tätig werden und Kindern den richtigen Umgang lehren. Allerdings bräuchte "die ganze Gesellschaft Medienkompetenz".

Trotzdem meint Krotz, dass es "keinen richtigen Umgang mit den neuen Medien" gibt. So müsse jeder seinen eigenen Umgang finden. Wichtig sei es, uns mit Freunden und Bekannten mit dem Thema auseinanderzusetzen und uns dadurch weiterzuentwickeln. Kommunikation eben.