Wien. Es war erst sein zweiter Drehtag  - und schon stand Alfred Dorfer im Mittelpunkt eines Besuchs bei den Dreharbeiten zum neuen "Tatort"-Fall mit dem Arbeitstitel "Zwischen den Fronten". Als hoher, politisch rechtsstehender Polizeibeamter mit Ministerambitionen hat er eine prägnante Episodenrolle und darf in der gerade am Drehplan stehenden Szene erregt telefonierend aus seinem teuren Dienstwagen (samt Chauffeur) steigen und in das Bundeskriminalamt gehen. Als dieses wurde das ehemalige Internationale Pressezentrum in Wien-Heiligenstadt auserkoren, das dafür aus seinem Dornröschenschlaf geweckt wurde.

Er sei kein ausgesprochener "Tatort"-Fan und schaue eigentlich auch kaum fern, erzählte Dorfer. Verantwortlich dafür, dass er die vier Drehtage zwischen Tourneeauftritten unterzubringen versuchte, sei nicht der Nimbus der Kultserie, sondern - neben Regisseur Harald Sicheritz, Wegbegleiter seit "Muttertag"-Zeiten - das Drehbuch von Verena Kurth: "Die Figur hat mich interessiert. Sie hat so etwas Schlangenhaftes. Sie hat die Eigenschaft, sich nicht zu stellen, aber nach Macht zu streben und Macht auszuüben. Sie will Minister werden und ist bereit, dafür einen sehr hohen Preis zu zahlen. Ich habe noch nie in einem Fernsehkrimi mitgespielt. Für mich ist es ein Versuch."

Korruptionswirklichkeit

Ein Versuch, bei dem durchaus österreichische Beamten- und Korruptionswirklichkeit abgebildet werden soll, ohne in Kabarett oder Klischee abzugleiten. Dass in der Folge das Bundeskriminalamt in Gestalt des bewährten Ermittlerduos Moritz Eisner und Bibi Fellner (Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser) und das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung zu Rivalen werden, ist für Dorfer "nicht nur eine Milieustudie, sondern ein ziemlich realistischer Befund".

Überaus realistisch scheint auch die Ausgangslage der neuen Folge, die mit einem Attentat auf einem internationalen Kongress beginnt: "Ein junger irakischstämmiger Österreicher, der für die UNO im Bereich Social Media arbeitet und auf einem Event einen Vortrag darüber halten soll, fährt mit dem Wagen vor und sprengt sich in die Luft", erzählt Harald Krassnitzer. "Die ersten vorgegebenen Spuren führen alle in die Richtung, dass der junge Mann ein Einzeltäter ist wie der in Toulouse oder der in Norwegen, und einen Al-Kaida-Hintergrund hat. Und wir versuchen herauszufinden, ob es tatsächlich so ist."

Rachefeldzug

"Das ist ein Thema, das mehr und mehr aktuell wird", zeigt sich Krassnitzer, der bereits seinen 29. "Tatort"-Fall zu lösen hat, im APA-Interview überzeugt. " Es geht nicht mehr um die großen Terrornetzwerke, sondern um die Schläfer, die einsam ihren großen Rachefeldzug unternehmen." Das hätten nicht zuletzt die jüngsten Ereignisse in Toulouse gezeigt, bei denen sich die Wirklichkeit über die noch bis Ende März dauernden Dreharbeiten gelegt hätte: "Zum einen erschreckt mich manchmal die Berichterstattung, weil sie so direkt ist, dass man manchmal nicht weiß, was ist Fiktion und was ist Realität. Und zum anderen erschreckt einen natürlich auch die Tat."

Der jüngste Austro-Tatort "Kein Entkommen" hatte mit seinem Leichenrekord von 15 Toten auch in Deutschland für Diskussionen gesorgt. Hat dieser Body-Count die Latte nicht ziemlich hoch gelegt? "Gar nicht, weil es ja nicht um einen Wettbewerb der Toten geht. Es ist spannend, dass die Totenrate eines Tatorts mehr diskutiert wird als die Anzahl der Toten in Syrien oder in sonstigen Konflikten auf dieser Welt. Die ist nämlich ungleich grausamer und verrückter als wir in 90 Minuten jemals darstellen könnten."

"Zwischen den Fronten" wird voraussichtlich Anfang 2013 ausgestrahlt.