European Newspaper Congress in Wien mit preisgekrönten Zeitungen.
European Newspaper Congress in Wien mit preisgekrönten Zeitungen.

Wien. Viele Medien peitschen ihre Leser von Katastrophe zu Katastrophe. Erhöht das die Quoten oder schreckt es die Leser eher ab? Sind die von Journalisten gehypten Katastrophen, die im Grunde ja nie eintreffen, für den Leser überhaupt noch erträglich? Wie viele schlechte Nachrichten verträgt der Mensch? Der European Newspaper Congress in Wien präsentierte am Dienstagmorgen ein hochkarätig besetztes Podium.

Dass das sonst schnell ausgemachte schwarze Schaf "Medien" als Schuldiger für Panikmache schnell vom Tisch war, ist angesichts des Kreises von Zeitungsmachern schnell klar. Panikmache sei natürlich möglich - und werde von eben nicht Qualitätsblättern bis zum Äußersten getrieben -, aber es geht laut Medienwissenschafter an der Universität Wien, Jürgen Grimm, nicht um Angstmache, sondern um Angstbewältigung.

Der Grund für Kommunikation überhaupt ist für Medienwissenschafter Grimm an zwei Punkten festzumachen: eine bevorstehende Bedrohung und die Frage, mit wem man gemeinsam gegen diese Bedrohung vorgehen könnte. Interessant sei auch, so Grimm, dass jene Menschen, die sich dem Medienteil über Katastrophen eher zuwenden als etwa dem Politik-Teil - und das sind immerhin laut Studien zwei Drittel der Nutzer -, eher ängstliche Menschen sind. Die Menschen nutzen die Medien zur Angstbewältigung.

In zahlreichen Untersuchungen hat Grimm zu seiner eigenen Überraschung festgestellt, dass die Angst der Menschen stark davon abhängt, wie berichtet wird. Wird nach einer Katastrophe, etwa 9/11 oder Tsunami, aggressiv kommentiert und ein Feind ausgemacht, so steigt die Angst beim Leser, wird aber ausgewogen und qualitätsvoll berichtet, sinkt die Angst. Ein Problem sei aber sicher die Ökonomie der Angstbewältigung.

Erschöpfungssyndrom


Magazine wie "Landlust" verbuchen Rekordquoten, ein gewisser Eskapismus angesichts Negativschlagzeilen ist nicht von der Hand zu weisen. Cornel Binder-Krieglstein, Vize-Präsident des Berufsverbands der österreichischen Psychologen, spricht von einem Erschöpfungssyndrom. Die Menschen seien im Wahrnehmen übersättigt. Medien sollten sich daher die Frage stellen, wie viel Angst sie schüren, um sie dann wieder zu befriedigen. Für ihn sei ein Ausklingen in ein Biedermeier allerdings nicht angesagt.

Dass Medien über alles berichten müssen, meint auch ORF-Chefredakteurin Waltraud Langer: "Unsere Aufgabe ist es einzuordnen, aber wir können nicht etwas weglassen, nur damit weniger Angst verbreitet wird." Darüber waren sich auch alle Diskussionsteilnehmer einig, allerdings auch darüber, dass jedes Medium und jeder Journalist sich "entschleunigen sollte". "Lieber mit dem Kommentar noch einen Tag warten, als vorschnell Meinung und Halbwissen verbreiten", sagt Carsten Erdmann, Chefredakteur der "Berliner Morgenpost". Damit wurde auch ein neues Geschäftsmodell für Qualitätsjournalismus gefunden: das Verbreiten nachhaltiger Information. Doch selbst da ist Felix Müller, Chefredakteur der "NZZ am Sonntag" überzeugt: "Es braucht die Angst. Die Medien leben zum Teil von Angst."

500 Chefredakteure und führende Verlagsmitarbeiter aus Europa versammelten sich beim zweitägigen Kongress und kürten die besten Zeitungen Europas. In der Kategorie Lokalzeitung siegte die norwegische Zeitung "Hordaland", die beste Regionalzeitung war die "Berliner Morgenpost", im Bereich Überregionales siegte die dänische Zeitung "Berlingske", die als entschleunigte Zeitung mit längeren vertiefenden Texten gepriesen wurde, und als beste Wochenzeitung bewerteten die Juroren die "NZZ am Sonntag".

Zeitung und Internet


Neben dem Grafischen ging es um die Suche der Branche nach Geschäftsmodellen für Online-Auftritte. Allerdings war man sich schnell einig, dass es kurzfristig zu keiner Paywall (Bezahlschranke) im Netz kommen werde. Solange es große, seriöse Presseangebote wie die "FAZ" oder "Spiegel" kostenlos im Netz gibt, brauche man gar nicht darüber nachzudenken, selbst eine Paywall aufzuziehen, sagt Peter Wälty, Chefredakteur vom "tageszeiger.ch". Grundsätzlich gelte es, zu experimentieren, wie im Netz Geld verdient werden kann, und hier sei viel Fantasie gefragt.