Als Elizabeth T. Spira 1995 für ihre "Alltagsgeschichten" dem echten Wiener in seinem offenbar als angestammt geltenden Reservat, dem Heurigen, ins üppig gefüllte Glaserl filmte, war das Resultat noch skandalös. Betrunkene dabei zu filmen, wie sie sich um Kopf und Kragen reden, das war so manchem zu viel. Heute, keine 17 Jahre später, hat sich einiges geändert, viel ist aber gleich geblieben. Nur dass damit nun sogar geworben wird: die "Kultwirte", auf ATV - die Sendung, "wo der Schmäh rennt und die Achterl fließen", wie es in der Ankündigung heißt. Immerhin - beim Heurigen waren’s noch Vierterln, jetzt sind es Achterln. Aber dabei bleibt es nicht: Hier wird die Schnapsrunde bedient, schon am Vormittag wird mit der Magnum Wodka gekuschelt und abends dann das verteilt, was man wohl in Kärnten als "gesunde Tetschn" versteht.

Fidel geht es mitunter zu, im Wiener "Cafe Samba": So zu sehen in der ATV-Sendung "Kultwirte". - © ATV
Fidel geht es mitunter zu, im Wiener "Cafe Samba": So zu sehen in der ATV-Sendung "Kultwirte". - © ATV

Waren es bei "Saturday Night Fever" auf ATV noch die Jugendlichen, die dabei gefilmt wurden, wie sie Alkohol - ja, sagen wir es doch einfach, wie es ist: hemmungslos soffen, sind nun die Erwachsenen dran; damit jene, die "Saturday Night Fever" noch cool fanden, wissen, wo sie in 20 oder 30 Jahren dann landen.

Es ist wohl sinnlos, zu diskutieren, ob das alles wirklich so schlimm ist, ob das nun wirklich endgültig der Niedergang des Fernsehens ist und warum das Genre des Trash-TV einfach nicht umzubringen ist. Denn das Interessante ist: Eine öffentliche Diskussion darüber findet praktisch nicht mehr statt. Kein öffentlicher Aufschrei, keine Beschwerden, keine Anzeigen bei der Behörde. Ab und zu rafft sich doch ein ermatteter Kritiker auf, die Sendungen halbherzig zu betonieren, aber die Debatte auf der darüberliegenden Ebene fällt so gut wie flach: keine Experten-Interviews, so gut wie keine Warnungen von Psychologen, keine Reflexion von gescheiten Menschen. Fast scheint es, als ob sich die Realität des Trash-Fernsehens von der Lebensrealität der Intelligenzija abgekoppelt hätte und in seinem schmutzigen, kleinen Reservat ein völlig unbehelligtes Leben führt.

Aber warum ist das so? Ist es Verdrängung, will man das einfach nicht mehr sehen - und lässt es damit einfach geschehen? Ist man müde geworden, so abgestumpft, dass man nicht mehr reagiert, wenn Teenager im Fernsehen total abgefüllt vorgeführt werden? Ist es uns schon egal, wenn daraus eine Art Subkultur entsteht, die das Ganze sogar noch cool und damit nachahmenswert findet? Ist uns das egal geworden, dass sich daraufhin zwangsläufig auch die Wertigkeiten bei den Rezipienten verschieben - dass es dem televisionären Vorbild gemäß eben dazugehört, "Vollgas" zu geben, sprich - ja sagen wir es doch einfach - zu saufen, bis der Arzt kommt.

Warum wundern wir uns in der Folge über immer jüngere Opfer (elf oder zwölf Jahre), die mit schwerer Alkoholvergiftung im Spital landen? Da wird dann diskutiert ob man an Gesetzen schrauben soll - dabei ist das Grundproblem doch möglicherweise auch das ungehinderte Zulassen des Faktums, dass öffentlich saufende Proleten mit zweifelhaftem Frauenbild nicht nur abgefilmt werden, sondern auch noch als Vorbilder hingestellt werden und diese Bilder (die es ohne das Trash-Fernsehen ja nicht gäbe) in der Folge im Internet und in den sozialen Netzwerken kursieren - und zwar auch lange nach dem Absetzen der Sendung.

Ewiges Leben im Facebook


Das ist sie in Wahrheit, die Abwärtsspirale - hier wird das Medium Fernsehen quasi einem Katalysator gleich von sich selbst überholt. Jeder sechste junge Fernsehzuschauer unter 29 hat "Saturday Night Fever" im Fernsehen gesehen (was für ATV neidlos als enormer Quotenerfolg anzuerkennen ist). Aber via Facebook gehen die Kontakte in die Hunderttausende, die Bilder sind überall - und das werden sie auch bleiben. Ob das den Protagonisten, die diese Folgen naturgemäß nicht einschätzen können, in zehn Jahren auch noch gefällt, bleibt genauso offen wie die Frage an den ATV-Programmchef, der in einem raren Moment der öffentlichen Selbstkritik vor Journalisten nicht sagen konnte, ob er seine Kinder in diesem Zustand im Fernsehen sehen wollen würde.

Fragt man die Experten, was denn da los ist mit dem Fernsehen, bekommt man immer dieselbe Antwort, wie sie Kommunikationswissenschafter Peter Vitouch in einem Interview formulierte: dass wie bei einem Heroinjunkie die Dosis immer weiter erhöht werden muss, um noch denselben Effekt zu erzielen. Und der ist: Aufsehen erregen. Einfahren, der Kick muss her. Ein Sender hat nichts vom braven Fernsehen, das will niemand sehen und unbedankt bleibt es außerdem - beim Eigentümer wie auch bei den Zuschauern. Aber wenn, wie bei "Teenager werden Mütter", ein verhaltensorigineller werdender Teenager-Vater der Mutter seiner gerade im Kreissaal liegen Freundin erklärt: "Gestern war ich Hure ficken!", dann ist er wieder da, der Kick. Das gab’s so noch nie! Und schon gibt es auf YouTube einen Techno-Sampler, in dem der Huren-Sager immer und immer wieder mit Musik unterlegt wiederholt wird.