Wien. Jeden Tag in der Arbeit das gleiche Spiel: Man fährt den Computer hoch, öffnet das Mail-Programm und wird augenblicklich von gefühlten tausenden E-Mails überschwemmt, die sich vom Vortag angesammelt haben.

Ganz im Gegensatz zu Seiten, wie Twitter oder Facebook. Denn hier kann man Neuigkeiten auch einmal ganz getrost verpassen, "das ist der Vorteil an Social Media", meint Sree Sreenivasan, Professor für digitale Medien an der Columbia Journalism School, der zu den einflussreichsten Social-Media-Kennern zählt. Denn: "Bei verpassten E-Mails fühlen wir uns automatisch schlecht", meinte er am Montag Abend im Rahmen der "Hedy Lamarr Lecture" in der Akademie der Wissenschaften.

Sree Sreenivasan zu Gast in Wien. - © Harald Eisenberger
Sree Sreenivasan zu Gast in Wien. - © Harald Eisenberger

Sreenivasan ist ein Verfechter von Social Media. Für ihn liegt auf der Hand, dass man als professioneller Nutzer noch viel mehr aus Facebook herausholen könnte. Das sprichwörtliche "von Mund zu Mund" finde heute auf Plattformen wie Facebook statt. Und genau diese Mundpropaganda sollte man für sich aktivieren. Schließlich würden die Kommunikationsplattformen einen Ort bieten, auf dem man am besten Aufmerksamkeit für die eigene Arbeit findet, nach neuen Ideen und Fans suchen kann und schneller mit ihnen in Kommunikation treten kann.

Sreenivasan ist überzeugt, dass jemand, der sich gut im echten Leben präsentieren kann, "super auf Social-Media-Netzwerken" sein kann. Social Media werden "für die eigene Arbeit jedenfalls unterschätzt, für ihre Datenschutzrichtlinien allerdings zu wenig kritisiert". Interessant sei jedenfalls, dass Facebook sich innerhalb von zwei Jahren gegenüber allen anderen existierenden Plattformen durchgesetzt hat. "Die anderen waren einfach zu schlecht gestaltet", meinte er.

Im "Netzwerk-Effekt" sieht der Wiener Jus-Student Max Schrems, Gründer der Initiative "europe-v-facebook", die Ursache. Er kritisiert die Monopolstellung von Facebook. Nach der Dominanz am amerikanischen Markt war das Netzwerk bereits zu groß, als dass es hätte scheitern können. Viele mögen Facebook nicht, aber sie sind Mitglied, weil es ihre Freunde sind. Er fordert eine offene Schnittstelle zwischen Facebook und anderen Anbietern.

Beide Experten kritisieren die wenig kontrollierenden Datenschutzrichtlinien auf Facebook. Inhalte, die ein User gelöscht hat, werden laut Schrems von Facebook weiterhin gespeichert. Dass die Abstimmung über den Entwurf der Datenschutzrichtlinien gescheitert ist, wundert ihn nicht. Zum einen war die geforderte 30-Prozent-Beteiligung aller User im Hinblick auf die Karteileichen unrealistisch. Zum anderen wurde auf die Abstimmung nur sehr wenig, bis gar nicht hingewiesen. Nach der Art: "Wir leben Demokratie, verstecken aber die Wahlurne", so Schrems.

Erst vor wenigen Tagen zahlte Facebook zehn Millionen US-Dollar, um einen Rechtsstreit über den Missbrauch von Nutzerdaten abzuwenden. Dass dieses Urteil allerdings etwas bewirkt hat, bezweifelt Schrems. "Facebook zahlt und macht weiter." Spannender wird das Urteil der irischen Behörde, wo "europe-v-facebook.org" im Sommer einen Antrag auf eine formelle Entscheidung einbringen wird. Einstweilen würden sie sich noch auf der Suche nach Sponsoren für ein daran anschließendes Gerichtsverfahren befinden.

Facebook speichert alles


Immerhin, in Relation zu Facebook selbst, kann man die Daten, die man den Netzwerk-Freunden zur Verfügung stellt, relativ gut kontrollieren. "Aber auch, wenn ich Daten nur für mich selbst sichtbar mache, einer sieht es immer, und zwar Facebook", so Schrems. Dass man sich mit einem Fantasienamen schützen kann, glaubt Schrems nicht. Denn auch so hat Facebook zig Wege, um zu den Daten zu kommen: Es reiche, wenn User im Freundeskreis Facebook auf ihrem Smartphone installiert haben und ihre Daten mit dem Netzwerk synchronisieren. Die Gefahr lauere aber auch hinter Applikationen, die Freunde im eigenen Netzwerk benutzen. Denn sogar diese können auf jene Daten, die auch der Freund am eigenen Profil einsehen kann, zugreifen.

Immerhin, "mittlerweile verstehen die Leute, was sie auf Facebook posten sollten und was nicht", so Schrems. Auch dies liege eigentlich im Verantwortungsbereich des Konzerns, der den Missbrauch der eigenen Daten verhindern könnte, wenn er sich an die Gesetze hält.