Je mehr von anderen erwähnt desto relevanter: Österreichs politisches Twitter-Netzwerk. - © Twitterpolitik.net
Je mehr von anderen erwähnt desto relevanter: Österreichs politisches Twitter-Netzwerk. - © Twitterpolitik.net

Wien. Wenn ein Nationalratsabgeordneter aus einem Untersuchungs-Ausschuss im Parlament hinaustwittert, dann hat das durchaus Brisanz. Das Kurzmitteilungssystem hat sich auch in Österreich zu einer Kommunikationsplattform entwickelt, mit einer Aufmerksamkeit, die sich andere Medien nur wünschen würden. Twitter ist als politisches Medium anerkannt.

Die Studienautoren Julian Ausserhofer, Axel Maireder und Axel Kittenberger haben sich ein halbes Jahr lang mit der Frage befasst, wie Twitter in Österreich genutzt wird und vor allem von wem. Die 400 aktivsten Personen wurden unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse haben sie auf "Twitterpolitik.net" festgehalten. Zunächst kam heraus, dass man auf Twitter viele Themen stärker diskutiert als herkömmliche Medien. "Der Ball des Wiener Korporationsrings etwa wurde ausführlich thematisiert, während die Finanzkrise kein großes Thema war", sagt Ausserhofer zur "Wiener Zeitung". Kurzlebige Themen, aktuelle, sensationelle Ereignisse stoßen dort stärker auf Widerhall. Auch die Affäre rund um die Bestellung Niko Pelinkas zum Büroleiter von ORF-Chef Alexander Wrabetz ging durch Twitter wie ein Lauffeuer und wurde angeregt debattiert. In den traditionellen Medien war das Thema eines von vielen.

Weiters auffällig ist, dass, im Gegensatz zu anderen Ländern, Twitter in Österreich "ein Nischenmedium für Politik-Interessierte" ist. "Celebrity spielt bei uns keine Rolle", so der Studienautor. In den USA sei das ganz anders. Und auch in Deutschland wird Twitter breiter genutzt. Dort twittert auch etwa Boris Becker. In Österreich nimmt die Kultur- oder Sportszene kaum teil. Ebenso ist die "Fav (Favoriten)-Stars-Sphäre" in Österreich im Gegensatz zu anderen Ländern nicht sehr ausgeprägt. Es gibt nur wenige, die außerhalb der politischen Kreise mit Twitter "leben", die sich ihre Tweets innerhalb eines ausgewählten Netzwerks gegenseitig favorisieren.

Zwei Drittel der untersuchten Accounts können laut Studie Männern zugeordnet werden. Unter den aktivsten Twitterern sind demnach nur wenige Frauen. Unter den Top-20-Twitterern sind nur drei Frauen, zwei davon sind prominent, wie Corinna Milborn, die von "News" zu "Puls4" wechselt, und ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher.

"Female Follow Friday"


Die Studie löste nach ihrer Veröffentlichung auf Twitter einen "Female Follow Friday" aus, angeregt von Karin Strobl, Chefin des Frauennetzwerks Medien. Am generellen "Follow Friday" können sich Twitterer gegenseitig Personen vorschlagen, denen man folgen sollte. Mit dem Studien-Ergebnis, dass nur wenige Frauen auf Twitter an vorderster Stelle stehen, kam es zu diesem "#fff"-Protest.

Fast die Hälfte der Politiker unter den untersuchten Personen kann den Grünen zugerechnet werden. Die zentralen Knoten im Netzwerk sind Journalisten und Wissenschafter: die TV-Journalisten Armin Wolf, Martin Thuer, Thomas Mohr, Florian Klenk ("Falter") und Politikwissenschafter Hubert Sickinger.

Wie leicht man als Bürger an Twitter partizipieren könne, wurde auch gefragt. "Es ist schon möglich, aber man muss sich engagieren", sagt Ausserhofer. Und: Twitter setze eine Literacy-Kompetenz voraus. Vor allem das Bildungsbürgertum wird davon angesprochen. Denn eines ist für den Studienautor offensichtlich: "Twitter öffnet die Politik". Zumindest die schweren Türen zum U-Ausschuss.