Ein ehemaliger AWD-Berater packt in "Am Schauplatz" heute, Freitag, vor der ORF-Kamera aus. - © orf
Ein ehemaliger AWD-Berater packt in "Am Schauplatz" heute, Freitag, vor der ORF-Kamera aus. - © orf

Wien. "Der Beitrag wirft einen Blick ins Innere der Versicherungsbranche, beleuchtet die Macht der Konzerne, zeigt, wie dieses System Leben zerstören kann." Drei Beiträge in kürzester Zeit hat der NDR (Norddeutscher Rundfunk) in seiner Reportage-Reihe "Panorama" zum Thema Versicherungen gezeigt. Auch der ORF zeigt heute, Freitag, den "Am Schauplatz"-Beitrag "Fast ganz sicher". Ehemalige Berater der Finanzberatung AWD und verzweifelte Kunden erzählen Journalist Ed Moschitz, wie der AWD, gegen den eine Sammelklage mit 7000 Beschwerdeführern läuft, ihr Leben verändert hat.

Graswurzeljournalismus wird der investigative Journalismus auch genannt. Man geht hinein in ein Milieu, heftet sich an die Fersen eines Problems, bleibt hartnäckig dran, deckt auf, ist auf der Suche nach der Wahrheit. Dem Ergebnis gehen oft monatelange Recherchearbeiten voraus. Vor allem beim Fernsehen ist investigativer Journalismus nicht ganz so leicht zu bewältigen. Während ein Printjournalist sich zunächst oft unbeobachtet ein Bild machen kann, fällt eine Kamera samt Team und Equipment doch rasch auf. Vertrauen aufbauen, heißt es dann und das kann dauern und vor allem schwierig werden. Denn wo ein heikles Thema angepackt wird, wird schnell einmal von oben geklagt. Der NDR stellte fest, dass rechtliche Auseinandersetzungen zunehmen. "Es gibt eine Tendenz, dass Unternehmen, Verbände und Parteien zunehmend versuchen, uns frühzeitig in rechtliche Auseinandersetzungen zu verwickeln. Das kostet natürlich Zeit und Nerven", sagt Ralf Pleßmann vom NDR zur "Wiener Zeitung".

Nachgefragt bei österreichischen und deutschen Fernsehstationen ist der investigative Journalismus bei allen ein überaus wichtiger und bedeutender Bestandteil ihres Senders. Dabei wird vor allem in Österreich fast alles - von der Konsumenteninformation bis zur Verbraucherreportage - zum investigativen Journalismus gezählt. "Egal ob Stiftungsaffäre Meschar, die sogenannte Arsen-Witwe, AWD, die Vorarlberger Testamentsfälscher, Pfusch bei Schönheits-OPs oder was in Brot wirklich drinnen ist - es gibt viele Beispiele", sagt Waltraud Langer, ORF-Chefredakteurin Magazine und Servicesendungen. Und "natürlich gibt es Klagen".

Um "die Wahrheit" herauszufinden, arbeiten die österreichischen Privatsender ATV und Puls4 auch mit versteckter Kamera. "Kaffeefahrt", "Rassismus" und "Immobilienbetrug" waren Beiträge auf ATV, die auf diese Art und Weise Missstände aufgedeckt haben. Es ist laut ATV ein schwieriger Weg, mitfilmen zu können. Verpixelte Gesichter und verfremdete Stimmen seien oft die Folge davon, wenn das Einverständnis der Gefilmten nicht eingeholt werden konnte. Auch hier seien Drohungen von Rechtsanwälten bereits gewöhnlich.

Keine Hofberichterstattung


Für Jürgen Peindl, Chefredakteur der "AustriaNews" auf Puls4, ist investigativer Journalismus das Gegenteil von Hofberichterstattung. "Es ist die Verpflichtung den Sehern und Bürgern des Landes gegenüber, hier aktiv zu sein", sagt er zur "Wiener Zeitung". So hätte es Puls4 erstmals geschafft, "Kronzeuge" Peter Hochegger vor laufender Kamera ausführlich interviewen zu können. "Für viele sind gerade diese Schwierigkeiten, diese Herausforderungen, der wahre Grund aktiv zu sein."

Für den NDR ist "Information eine der tragenden Säulen". "Investigative Recherche braucht Zeit, Ausdauer und manchmal auch ein wenig Mut", sagt Pleßmann. Beim NDR Fernsehen unterstütze seit zwei Jahren ein "Teamchef Recherche" investigatives Arbeiten. Er bringe Journalisten zusammen, die unter verschiedenen Gesichtspunkten zu einem Thema recherchieren und im Team den Dingen noch tiefer auf den Grund gehen können. Es gebe auch seit einiger Zeit eine Zusammenarbeit mit Journalisten der "Süddeutschen Zeitung". "Panorama" von NDR ist das älteste politische Magazin Deutschlands. Es produziert auch für den ARD, etwa "Der Sturz - Honeckers Ende" oder Reportagen wie "Die Kik-Story". Mitte August startet die neue Reihe "Panorama 3" und Ende August eine Reihe von Verbraucherreportagen.

"Das Schwierigste ist, dass investigativer Journalismus enorm viel Recherche bedeutet. Das ist mit immer kleineren Sendungsteams und -budgets nur sehr schwer zu vereinbaren", sagt ORF-Chefredakteurin Waltraud Langer. Die Redakteure müssen Akten wälzen und eine Vielzahl von Informationen sammeln. Der NDR nimmt sich die Zeit, denn Glaubwürdigkeit sei das höchste Gut des Journalismus.