Christof Loys Inszenierung von "La donna del lago" feiert am 10. August im Theater an der Wien Premiere. - © Monika Rittershaus
Christof Loys Inszenierung von "La donna del lago" feiert am 10. August im Theater an der Wien Premiere. - © Monika Rittershaus

Gehört Gioacchino Rossini eigentlich in jenen ominösen Kreis der sogenannten Frühvollendeten? Sicherlich, er lebte von 1792 bis 1868, wurde also 76 Jahre alt. Aber sein Leben als Komponist endete 1829. Da war er 37 Jahre alt.

Obwohl - ganz stimmt das nicht. Rossini hörte zwar auf, Opern zu komponieren, aber er schrieb noch Klavierstücke und geistliche Musik, darunter die bemerkenswerte "Petite Messe solennelle" (1863). Viele dieser Stücke sind um Klassen einfallsreicher als seine Opern, in denen doch oft Routine und Austauschbarkeit herrschen.

Man kann Rossini nicht wirklich einen Vorwurf machen: Er lebte vom Komponieren, und er wollte gut leben. Da es zu seiner Zeit noch kein Urheberrecht gab, das auf Lebenszeit und darüber hinaus Tantiemen sicherte, war er darauf angewiesen, möglichst viele Werke möglichst teuer zu verkaufen. Das machte ihn vielfach zum Fließbandproduzenten: acht Opern im Jahr 1812, vier im darauffolgenden Jahr, drei im Jahr 1816, dem Jahr des "Barbier von Sevilla". Die Ouvertüren verwendet er mehrfach, Arien, bisweilen Ensembles auch, flüchtig dem jeweiligen neuen Text angepasst.

Triumph der Masse über Qualität


Zweifellos sind einige Meisterwerke darunter, insgesamt aber triumphiert vorerst Masse über Qualität. Das ändert sich Anfang der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die Produktion wird langsamer, sorgfältiger, individueller. Als eine Vorbotin dieser letzten Opernphase Rossinis mag man dabei "La donna del lago" von 1819 werten. Schon der Stoff ist neuartig: eine romantische Oper auf der Basis eines Werks des schottischen Nationaldichters Walter Scott. Rossini ist der Erste, der sich bei Scott bedient - und obwohl "La donna del lago" nach gewaltigem Anfangserfolg schnell wieder von den Bühnen verschwindet, begründet Rossini mit diesem Werk jene Flut von Opern nach Scott, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einem schauerszenengespickten Tsunami gleich über die Bühnen Mitteleuropas wälzt und nahezu alles wegreißt, was nicht mitschwimmt.

1826 kehrt Rossini übrigens zu Scott zurück und veropert dessen Hauptwerk "Ivanhoe" - übrigens ebenso erfolglos wie später der englische Operettenkomponist Arthur Sullivan bei seinem Ausflug in die Gefilde der romantischen Oper.

Was das Interesse an Rossinis "La donna del lago" indessen wachhält, ist die Bedeutung dieses Werks für Rossinis letzte Oper, "Guillaume Tell": Zum ersten Mal zeichnet Rossini in "La donna del lago" jene romantischen Naturstimmungen, die für den "Tell" dann so charakteristisch sind. Auch zeigen die einzelnen Personen der "Donna" mehr individuelle als typisierte Züge, und selbst das Orchester hat nun mehr zu bieten als die Begleitakkorde in den ewig gleichen Rhythmusmodellen. In "La donna del lago" beginnt Rossini jene Musik, die er im "Tell" zum Höhepunkt führt, der auch gleichzeitig ein Endpunkt war.