Alles neu macht der September...
Alles neu macht der September...
Veränderungen in Zeitungen konzentrieren sich oft auf grafische Neuerungen. Das Leseverhalten ändert sich, manche wollen auch bloß knalliger und bunter werden.

Was aber tun, wenn sich die Geschichten des Lebens ändern? Wenn plötzlich komplex wird, was früher einfach war?

Die "Wiener Zeitung" hat sich daher entschlossen, eine inhaltliche Reform vorzunehmen, die auf Ihr Empfinden und Ihren Intellekt zielt - und nicht nur aufs Auge.

Wir ändern mit dem heutigen Tag die Struktur der Zeitung. Aus vier "Büchern" (der Fachjargon für die Teile der Zeitung) werden sechs, die klassischen Ressorts gibt es nicht mehr.

Wirtschaft, Außenpolitik, Innenpolitik, Chronik, Kultur, Wissenschaft: Das sind lieb gewordene und historisch erklärliche Begriffe - an ihnen hanteln sich auch die Zeitungen entlang. Die Welt, Europa und Österreich indes haben sich gewandelt, und werden sich in den kommenden Jahren weiter wandeln. Die Vernetzung der Gesellschaft wird immer dichter, unauflöslich ist sie bereits.

Ein Beispiel gefällig? Europas Krise ist ein wirtschaftliches, ein außenpolitisches, ein innenpolitisches - ja auch ein demokratie- und kulturpolitisches Thema. Soll die Zukunft Europas in einer Zeitung inhaltlich getrennt betrachtet werden, wie es derzeit der Fall ist? Wir glauben nein. Die Trennung ursächlich zusammenhängender Bereiche wäre bloß eine mediale Fortsetzung von politischer Inkonsequenz.

Ist die Frage, wie es mit Hypo Alpe Adria, Kommunalkredit und Volksbanken weitergeht, eine wirtschaftliche oder eine politische Frage? Sind Fragen der Sicherheit und der Sicherung der Lebensgrundlagen weltweit aus dem jeweiligen Ressortkästchen zu betrachten? Wir glauben nein, diese Scheuklappen müssen weg. Wenn ein deutsches Verfassungsgericht Einfluss nehmen kann auf die Situation in Griechenland, ist auch die allgemein übliche journalistische Darstellung an ihr Ende angelangt.

"Wie geht es weiter?" Diese Frage, die sich jeder stellt, kann nicht länger wirtschaftlich, politisch, philosophisch zerstückelt werden. Die Geschichten des Lebens, die wir erzählen, sind immer weniger eindimensional, sondern verlangen eine ganzheitliche Sicht. Im ständigen Bemühen um diese Antworten machen wir Ihnen nun folgendes Angebot: Wir teilen die Welt nicht in Themen, sondern in Regionen ein. Künftig finden Sie Europa, Österreich und die Großregion Wien jeweils kompakt im Blatt - und alle Lebensbereiche abbildend. Bitte überzeugen Sie sich davon auf den folgenden Seiten.

Dazu wird es ein paar Neuerungen geben: ein großes Leserforum auf der letzten Seite des Österreich-Teils etwa; und eine eigene Kolumne über die Reichen und Schönen der Welt ("berühmt und berüchtigt") im Feuilleton-Teil, der wie bisher Kultur, Wissenschaft und Medien betreut.

Die "Wiener Zeitung" betritt mit diesem Konzept Neuland. Es wird uns in der Redaktion eine gehörige Portion Flexibilität abverlangen - die aber schon in der Vorbereitung zu spüren war.

Die "Wiener Zeitung" erscheint seit 1703 und ist damit (vermutlich) die älteste Tageszeitung der Welt. Im kommenden Jahr feiern wir das 310-jährige Bestehen. Das führt - zugegeben - zu einem etwas verstaubten Image, aber auch zu einem ungeheuer stabilen Fundament.

Darauf stehend leisten wir uns die - wenn man so in die Medienbranche blickt - auch etwas altmodische Ansicht, dass sich eine Zeitung über seriösen Inhalt verkauft und nicht über bloßes Marktgeschrei.

Zu diesem Inhalt gehört, dass wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Zusammenhänge rund um den Globus so erzählen möchten, wie sie sind - und nicht wie wir wollen.

Mit der jetzigen Innovation geht das Redaktionsteam der "Wiener Zeitung" diesen Weg konsequent weiter. Gehen Sie mit uns auf diese journalistische Entdeckungsreise.

Reinhard Göweil

Chefredakteur