• vom 01.10.2012, 17:24 Uhr

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Die Suche nach 55 Prozent




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Von Andreas Lorenz-Meyer

  • Die Art der Smileys ist auch eine Folge der kulturellen Prägung im Land
  • Seit 30 Jahren ergänzen Smileys die Mimik bei der E-Mail-Kommunikation.

Wie meint sie das? Smileys kennzeichnen Stimmungen.

Wie meint sie das? Smileys kennzeichnen Stimmungen.© © Ikon Images/Corbis Wie meint sie das? Smileys kennzeichnen Stimmungen.© © Ikon Images/Corbis

Wien. Auf den Psychologen Albert Mehrabian geht die 7-38-55-Regel zurück. Danach hängt es nur zu 7 Prozent von den Worten ab, wie eine Mitteilung verstanden wird, aber zu 38 Prozent von der Stimme und sogar zu 55 Prozent von der Mimik.


Bei E-Mails bleibt also ein Großteil unserer kommunikativen Möglichkeiten ungenutzt. Sie bestehen allein aus Geschriebenem, es gibt keinen Gesichtsausdruck und keine Betonung, die helfen würden, den Inhalt einzuordnen. Kein Wunder, dass Nutzer oft aneinander vorbeischreiben: Die Wahrscheinlichkeit, eine E-Mail falsch zu verstehen, liege bei 50 Prozent. Ein kleiner Witz kann daher großen Ärger verursachen, das war schon vor dreißig Jahren so, als ein paar Informatiker überlegten, wie E-Mails verständlicher werden können.

1982 stand das digitale Zeitalter noch am Anfang, dennoch nutzten die Computerwissenschafter von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh schon digitale schwarze Bretter, die sie "bboards" nannten. Dort tauschte man sich über die angespannte Parkplatzsituation auf dem Campus aus oder meldete Fundstücke, zum Beispiel einen liegen gelassenen Ring in der Herrentoilette.

Einmal ging es um ein abstruses Quecksilber-Experiment. Es sollte nicht im Labor, sondern im Fahrstuhl stattfinden. Die Wissenschafter witzelten ein bisschen herum, aber nicht jeder im Verteiler hatte mitbekommen, dass es sich um eine Scherzidee handelte. Die E-Mails wurden sogar als Sicherheitswarnung missverstanden: Im Fahrstuhl sei Quecksilber ausgetreten.

Nun kam eine rege Diskussion in Gang, wie nicht ernst gemeinte Inhalte zu kennzeichnen seien. Ein Vorschlag lautete: Gute Witze werden mit einem Stern markiert, schlechte Witze mit einem Prozentzeichen. Ein Diskutant schlug zwei Schrägstriche und einen langen Balken in der Mitte vor - im Ansatz ein lächelnder Mund, nur etwas eckig.

Dann hatte Scott E. Fahlman seinen großen Moment. Im September 1982 schickte der Informatiker eine lakonische E-Mail an seine Kollegen: "Ich schlage die folgende Zeichenfolge vor." Fahlman hatte einen Doppelpunkt, einen Strich und eine Klammer aneinandergesetzt: :-). Ein seitlich lächelndes Gesicht, der erste elektronische Smiley.

Die Idee schwappte zu anderen Universitäten über. Man erfand Smiley-Varianten, die Missmut oder Ablehnung signalisieren sollten. Die Masse bekam von dieser Euphorie nichts mit, denn zuhause hatten die Leute noch keinen Rechner stehen. Das änderte sich in den Neunziger Jahren. Da verbreitete sich der PC und mit ihm der Smiley.

Japan lächelt mit (^_^)
Heute werden die Zeichenfolgen auch als Emoticons bezeichnet. Es gibt inzwischen sehr viele, manche sind spezieller Art, andere fest in die digitale Kommunikation eingebunden. Wenn es was zum Staunen gibt, bleibt der Mund offen: :-o . Frechheiten lassen sich durch die Zunge unterstreichen: :-P. Und gezwinkert wird mit dem Semikolon;-).

Im Laufe der Jahre entstanden auch regionale Variationen, besonders dort, wo keine lateinischen Schriftzeichen verwendet werden. Japanische Emoticons, Emoji genannt, müssen nicht seitwärts gelesen werden. Der klassische Smiley sieht so aus: (^_^). Langweile steckt in dieser Zeichenfolge: (-.-). Und wenn einer sauer wird, ziehen sich die Augenbrauen zusammen: (ò_ó).

Der Ausdruck der Augen ist bei den japanischen Ablegern wichtiger als der des Mundes, der immer nur als Strich dargestellt wird. Damit entsprechen Emojis der kulturellen Prägung im Land, wie ein Versuch zeigte. Dabei ließ man japanische und US-Studenten Emoticons interpretieren. Die Amerikaner achteten mehr auf den Mund, ob sich die Mundwinkel nach oben oder unten bogen, die Japaner konzentrierten sich eher auf die Augen und was diese über die Gefühle aussagten.

Die ursprünglichen textbasierten Emoticons werden heute oft durch Minigrafiken ersetzt. Diese gelben Gesichter können erröten, weinen oder teuflisch grinsen, während die coolen eine Sonnenbrille tragen. Aus der Kommunikationshilfe ist eine Spielerei geworden, bei manchen Programmen tauchen die gelben Gesichter schon auf, sobald man die Zeichenfolge eintippt.

Schaden Emoticons eigentlich der Sprache, weil wir uns beim Formulieren weniger Mühe geben müssen? Da ist was dran, meint Scott E. Fahlman, der Smiley-Erfinder. Aber es gehe nun einmal um beiläufig verfasste Nachrichten im Internet, und nicht jeder sei Shakespeare. Dieser hätte sicher auch keinen erhebenden Text über Parkplatzprobleme am Campus zustande gebracht.




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Dokument erstellt am 2012-10-01 17:29:47


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