• vom 06.12.2012, 17:43 Uhr

Medien


Gesellschaft

Eintauchen ins Leben der anderen




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Von Bernhard Baumgartner

  • Fernsehen gegen Vorurteile
  • Mari Lang über ihr außergewöhnliches Reportage-Format "Mein Leben".

Mari Lang mit Wagenplatz-Bewohner Hans Freitag.

Mari Lang mit Wagenplatz-Bewohner Hans Freitag.© orf Mari Lang mit Wagenplatz-Bewohner Hans Freitag.© orf

Wien. "Distanz ist mir eigentlich egal", sagt Mari Lang und wirkt fast überrascht über die Frage, wie schwer sie sich bei ihren Porträts mit professioneller Distanz zu ihren Interviewpartnern tut. Lang, die seit der Umstellung den Mittwoch mit ihrem ORF-Reportageformat "Mein Leben" bereichert, gibt sich nicht mit Distanz zufrieden. Denn bei "Mein Leben" geht es um Nähe, ist doch das Ziel, einen Lebensweg eines außergewöhnlichen oder interessanten Menschen zu verstehen oder nachvollziehen zu können.


"Ich glaube, ich habe sicher eine Sonderrolle, weil ich auch vor der Kamera stehe und mittue, um tatsächlich ein Stück ins Leben meiner Protagonisten eintauchen zu können", ist Lang überzeugt. Da sei sie eben nicht klassische Journalistin, die zu einem Interview gehe und sehr objektiv und nüchtern ihre Fragen stelle, weil sie einer Fährte nachgeht. "Ich komme mit meiner ganzen Persönlichkeit und dem, was ich bin, zu den Menschen. Das macht den Unterschied aus."

Moslem und Tierschützer
Ein radikaler Moslem, ein Tierschützer und Familienvater, der für seine Überzeugung ins Gefängnis musste, ein Mann, der als Frau lebt und beim Verteidigungsministerium arbeitet, die streitbaren Bewohner des Wagenplatzes in Wien - es sind tatsächlich außergewöhnliche "Typen", die Mari Lang (32) vor der Kamera versammelt. Drei Tage wird an einer Ausgabe gedreht - der Protagonist bei typischen Alltagssituationen begleitet. "Man kennt das doch. Man lernt jemanden kennen - und es sind erst einmal viele Fragezeichen da. Durch das Format hab ich aber die Möglichkeit, relativ schnell sehr nahezukommen." Da könne es schon sein, dass mit eigenen Vorurteilen aufgeräumt wird. "Manchmal denke ich mir: Den versteh ich überhaupt nicht." Meistens am zweiten Tag passiere dann irgendwas im Gespräch und das Bild dreht sich und alles wird klarer. "Und der Typ wird mir plötzlich sympathisch."

Der Mittwochabend gilt seit der Umstellung eher als Problemkind im ORF-Fernsehen. Bei der Krimi-Serie "Soko Donau" machen die Zuschauer noch mit, mit dem Assinger-Format "Das Einser Team" halbiert sich der Marktanteil, um während des umstrittenen Versteckte-Kamera-Formats "Hast Du Nerven" nochmals nachzugeben. Kein guter Boden für den Start von Mari Langs "Mein Leben", die die verbliebenen Zuschauer, die bis dahin wacker durchgehalten haben, in Empfang nimmt. Dabei gilt die Sendung zumindest aus Sicht der Kritiker als wohltuende und gelungene Innovation der Umstellung des Mittwochs.

Ist der Sendeplatz der richtige? "Ich glaube nicht", meint Lang. "Ich habe nichts gegen den Mittwoch, aber bei der Programmierung gibt es sicher Verbesserungsbedarf." Die Niederösterreicherin würde sich wünschen, dass "man versucht, Sendungen, die von der Stimmung und vom Anspruch her zusammenpassen, auch zusammenzustellen". Und natürlich wäre ihr ein früherer Sendetermin lieber.

Zweimal noch läuft "Mein Leben" dieses Jahr (12. und 19. Dezember, 22.50 Uhr, ORF1). Derzeit ist eine zweite Staffel geplant, die am 6. März 2013 beginnt. Wird es Änderungen geben? "Wir haben festgestellt, dass es dann am spannendsten wird, wenn der Unterschied zwischen mir und der Person am größten ist. Wo ich vielleicht zunächst erstaunt oder bestürzt bin. Das würde ich gerne noch schärfen."




Schlagwörter

Gesellschaft, Vorurteile, Medien

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Dokument erstellt am 2012-12-06 17:47:29


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