Dieter Bohlen herzt Gewinner Jean-Michel Aweh - noch. - © epa
Dieter Bohlen herzt Gewinner Jean-Michel Aweh - noch. - © epa

Wien. Jugendliche sind schutzbedürftig. Das gilt auch in Bezug auf die Medien. Also hat Fabian Burstein für die Opfer der boomenden TV-Castingshows eine anonyme Anlaufstelle gegründet. "Lass dich nicht fertigmachen!" lautet das Motto seiner "Castingshow-Gewerkschaft". Sie ist keine Arbeitnehmervertretung im engeren Sinn, sondern versteht sich als "Non-Profit-Informationsplattform für jugendliche Opfer der Castingshow-Industrie".

Junge Menschen mit einem vermeintlich künstlerischen Talent, die zuerst einem Millionenpublikum vorgeführt, mitunter ausgebeutet und dann von Fernsehsendern fallengelassen werden, möchte Burstein damit Zugang zu Expertenwissen und Kontaktadressen für psychologische Hilfe im gesamten deutschsprachigen Raum verschaffen.

Der Wiener Autor (30) ist aufmerksamer Medienbeobachter und hat Kontakt zu Menschen, die im Umfeld von Castingshows arbeiten. Und zu Opfern dieser Talentesuche, die unter Titeln wie "Starmania", "Superstar" oder "Top Model" Unterhaltung wie eine große Portion Illusion versprechen. Burstein hat ehemalige Teilnehmer besucht, schildert er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", und "völlig weltfremde und desillusionierte junge Menschen" vorgefunden. "Wenn das so beschissen weitergeht, muss ich ja wieder arbeiten gehen", beklagte sich bei ihm ein erfolgloses jugendliches Opfer.

Burstein will auch auf das Problemfeld des grassierenden Phänomens Castingshow aufmerksam machen. "Dass damit das Kultur- und Körpergefühl einer ganzen Generation zerstört wird", wie er sagt. Einfach ein Instrument spielen zu können, reiche nicht aus, dass jeder berühmt wird. "Das Quotendenken auf Kosten junger Leute ist gnadenlos - und stößt auf wenig Gegenwind", konstatiert er. "Von Montag bis Sonntag gibt es nahezu jeden Tag eine Castingshow. Das bindet gigantische Ressourcen. Und es ärgert mich als Medienmensch." Das öffentlich zur Schau gestellte Casting werde immer brutaler und skrupelloser. Dennoch gehen nach dem Anfangshype die Quoten immer weiter zurück.

Die Qualen seien nicht einmal mehr ein Garant für Erfolg, weil der Markt längst gesättigt sei. "Im Normalfall müsste eigentlich ein Aufschrei des Publikums stattfinden. Aber der Protest erschöpft sich in schwindenden Quoten", so Burstein. "Auch der ORF gibt Gas. Die Frage ist, ob das Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders ist." Dieser verdiene dann bei den Künstlern mit, so sie Erfolg haben, und vergebe seiner Meinung nach "Knebelverträge".

"Öffentliches Schlachten"


Auf der Internetplattform "Castingshow-Gewerkschaft" unterstreicht etwa die Expertin Sigrun Roßmanith: "Die Relativität einer Castingshow, die Macht der JurorInnen sollte beleuchtet werden, um Extremfixierungen im ,Alles oder Nichts‘ zu vermeiden." Roßmanith ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie in Wien und erinnert das "öffentliche Dahinschlachten zum Zwecke der Einschaltquoten" an die Stierkampfstimmung in der Arena.

Der Suchtexperte Kurosch Yazdi, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin an der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, erläutert: "Wer als Bewerber zu einer Castingshow geht, begibt sich von vornherein in eine kränkbare Situation. Für die Veranstalter ist das nebensächlich. Ihnen geht es nicht nur darum, besondere Talente zu finden, sie wollen den Zusehern vor allem eine sensationalistische Show liefern."

Am Beginn von Fabian Bursteins Initiative stand eigentlich sein jüngster Roman "Träum weiter", der im Sommer erschienen ist. Er erzählt von der grenzenlosen Gier nach Ruhm, sadistischen Juroren und bloßgestellten Leider-nein-Kandidaten und wie der Kampf um Reichweite bis zum Tod führen kann. Der Privatsender RTL kritisierte via "Bild"-Zeitung Burstein, er wolle mit seiner Initiative lediglich sein Buch vermarkten. Diese Kritik prallt an dem Autor ab; medien- und gesellschaftskritische Literatur sei ihm "nun mal ein Anliegen". Hinzukommt: In der Realität hat die Gier nach Quoten tatsächlich bereits Kandidaten zur stationären Behandlung in Kliniken geführt.

Der via Castingshow bekannt gewordene Deutsche Daniel Küblböck meinte zuletzt: "Vielleicht sollten wir unserer Jugend zeigen, dass es mittlerweile Wichtigeres gibt, als Superstar zu werden. Wie wäre es mit Maurer?"