Der "Größte aller Zeiten", das muss man auch einmal werden. Muhammad Ali ist es gelungen. "The Greatest of all Time", das ist die reguläre Bezeichnung für den Jahrhundertboxer geworden. Dass es so weit gekommen ist, das liegt daran, dass Ali als einer der ersten großen Sportstars mit den Medien meisterlich umzugehen wusste. Er hatte früh verstanden, dass man es mit nobler Zurückhaltung nicht in die Zeitung schafft. Wobei: Er selbst hielt sich ja nur für "The Greatest". Also eh noch demütig, vergleichsweise.

Lance Armstrong bei Oprah Winfrey im Interview. - © reuters
Lance Armstrong bei Oprah Winfrey im Interview. - © reuters

Ali verließ sich nicht einfach darauf, dass die Siegerpose eines Boxers heldenhaft genug wirkt. Er bezog die Journalisten ganz bewusst in sein Spiel ein. Also eigentlich in das Vorspiel. Bei Pressekonferenzen vor Kämpfen redete er sich in Rage, es ist freilich unwahrscheinlich, dass seine knackigen Sprüche aber so spontan aus ihm heraussprudelten, wie es wirkte. Das Großmaul, dem viele vielleicht sogar wünschten, dass er jetzt mal auf selbiges fällt, siegte dann aber auch noch. Der Dokumentarfilm "When we were kings" von Leon Gast (1996) über den "Rumble in the Jungle" in Kinshasa (gegen George Foreman) zeigt sehr schön, wie populär Muhammad Ali bei den Reportern war. Bei ihm konnten sie sicher sein, dass er ihnen Sager liefert wie "Ich bin so verdammt schnell. Gestern hab ich in meinem Zimmer das Licht abgeschaltet und war im Bett, bevor das Zimmer dunkel war!"

Held aus Kollektivtrotz


Muhammad Ali war einer der Ersten, der seinen Heldenmythos mithilfe der Massenmedien selbst in die Gänge brachte. Ganz anders gelagert ist wiederum die Heldeninszenierung, die Karl Schranz zuteil wurde. Bekanntlich wurde der Skifahrer 1972 von den Olympischen Spielen in Sapporo ausgeschlossen. Das schmerzte die österreichische Kollektivseele sehr, man mag fast sagen, bis zum heutigen Tag. So gehören zum Heldenmythos Schranz vor allem jene Fotos, die ihn vor einer beachtlichen Menge Solidarischer nach seiner Rückkehr nach Wien zeigt.

Ein anderer Österreicher, der sich den Heldenstatus mit einem Vorfall, den er wohl lieber nicht erlebt hätte, erwirkt hat, ist Niki Lauda. Bereits 42 Tage nach seinem schweren Unfall auf dem Nürburgring am 1. August 1976 trat er wieder zum Rennen an. Und wurde Vierter. Seine Wunden waren noch nicht einmal verheilt. Ein Traum für die Heldenmanufaktur der Massenmedien. Wo doch die Formel 1 damals noch ohnehin ein gutes Pflaster für die Heldengenerierung war. Für die Medienmaschinerie ist es außerdem sehr von Vorteil, wenn der Held den Unfall überlebt und nicht so wie Jochen Rindt sechs Jahre zuvor eben nicht.

Im Kreis seiner Reporterfreunde: Muhammad Ali war und ist ein Held der alten Schule. - © corbis
Im Kreis seiner Reporterfreunde: Muhammad Ali war und ist ein Held der alten Schule. - © corbis

Das letzte große Heldenepos im österreichischen Sport hat Hermann Maier geschrieben. Seine Karriere hatte so spektakuläre Wendungen, dass sogar das heldenerprobte Amerika sich für seine Geschichte interessierte. Wir rekapitulieren, obwohl das wohl kaum nötig ist: Hermann Maier war in den späten Neunziger
Jahren die Ski-Siegmaschine schlechthin. Dass er aber zum Heros wurde, das verdankte er einem Fernsehbild, das um die Welt ging: als er nämlich bei den Olympischen Winterspielen in Nagano quer durch die Luft flog.

Held wie aus dem Film


Maier, der mitnichten so blöd ist, wie mancher Schwimmer glaubt, verstand die Mechanismen der medialen Heroisierung damals schon nur zu gut. "Wenn ich jetzt noch Gold gewinne, bin ich unsterblich", habe er sich gedacht, erzählte er später. Nun kann sich so etwas jeder denken. Tatsächlich gewinnen ist eine andere Geschichte. Maier gewann Gold. Und zwar zweimal. Diese fast hollywoodeske Entwicklung brachte ihn sogar in die "Late Night Show" von Jay Leno, wo er sich herzlich informell mit den Worten "Servus, I am Hermann" vorstellte. Hermann Maier hätte wahrscheinlich jene Zutat, die für ein mediales Heldengericht so essenziell ist, gar nicht gebraucht: das Comeback. Das lieferte er dennoch 2003, nachdem er zwei Jahre zuvor bei einem Motorradunfall beinahe ein Bein verloren hatte. Seinen Weg zurück durfte der Medienkonsument, wenn auch nicht mehr ganz so international, auch von Anfang an verfolgen: Der ORF sicherte sich ein Interview am Krankenbett des sichtlich gezeichneten Skifahrers.

Für Donnerstag Nacht hatte sich wieder ein Sportstar in einer US-Talkshow angesagt. Aber keineswegs, um seinen Heldenstatus zu untermauern. Lance Armstrong beichtete bei Oprah Winfrey seine Dopingsünden. Das ist nur ein neuer Höhepunkt in einer Entwicklung: Denn das Sportheldentum ist heute keine einfache Sache mehr. Die Öffentlichkeit ist von allerlei anderen Selbstdarstellern gewöhnt, dass es im Leben nicht nur schillernd sein kann. Und so fordert sie auch vom Sporthelden, dass er sein allzu menschliches Antlitz zeigt. Die Medien liefern zuverlässig ab. Einen Vorgeschmack gab es hierzulande, als Andreas Goldberger seine Drogenbeichte im Fernsehen ablegte. Elmar Oberhauser war ihm ein onkeliger Beichtbär. Weniger Leuten hat wohl Radfahrer Bernhard Kohl leidgetan, als er seine Dopingvergehen im TV-Interview gestand. Und dabei auch noch weinte. Das aktuellste Beispiel der Heldenzertrümmerung ist wahrscheinlich Lindsey Vonn, die von dem Drang getrieben zu sein scheint, ihre Depression in allen Stadien mit der verblüfften Öffentlichkeit zu teilen. Bei ihr wirkt es fast so, als würde sie gegen das Image der Gewinnerin mit aller Kraft ankämpfen wollen.