Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bei Talkerin Anne Will. - © dpa
Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bei Talkerin Anne Will. - © dpa

Koblenz. Mit einer Hassliebe hätten es die Talkshow-Macher zu tun, meint Thomas Leif. In Talkshows werde - abseits des Parlaments- "die geballte Politik(er)-Inszenierung abgerufen mit all ihren Risiken, Nebenwirkungen und Eitelkeiten", so Leif, Journalist beim SWR und Politologieprofessor an der Universität Koblenz-Landau. "Viele dieser Sendungen sind Spiegelbild einer oft überforderten politischen Klasse und gleichzeitig Resonanzboden für ein genervtes und politiküberfordertes Publikum."

Auf der Suche nach einer besseren Umsetzung dieses polarisierenden TV-Formats haben daher Studierende der Uni Koblenz 22 Diskussions-Shows im deutschen Fernsehen unter die Lupe genommen. Die Thesen und Vorschläge der Studie "Die Talk-Republik. Köpfe - Konzepte- Kritiker", die der "Wiener Zeitung" vorliegt, wollen die Debatte um Veränderungen in der "Talk-Landschaft" in Deutschland jedenfalls konstruktiv begleiten.

"Politischen TV-Talkshows kommt bei der herrschenden Politikverdrossenheit eine besondere Verantwortung zu", heißt es in der Analyse. Ausgestrahlt über das "Leitmedium" Fernsehen sind die Rundfunkanstalten - ungeachtet der globalisierten Internet-Medien - in der Lage, nahezu jeden Haushalt zu erreichen. Freilich grassierten in den vergangenen Jahren die politischen Gesprächsrunden; Befunde wie diese für Deutschland treffen auch auf Österreich zu. Allein im ersten, rechtlich-öffentlichen Sender ARD gab es 2012 fünf politische Talkrunden pro Woche. Politikvermittlung ist ein Auftrag vor allem der öffentlich-rechtlichen Medien. Weshalb aber selbst hier Diskussionsshows inflationär zugenommen haben, ist schnell erklärt: "Talkshows sind unglaublich billig", erläutert Thomas Dechant, Mit-Autor des Forschungsprojekts "Die Talk-Republik". "Die Politiker kommen kostenlos" und es sei "einfach ein geringer finanzieller, personeller und zeitlicher Aufwand, eine Talkshow zu produzieren".

Marktführer unter den Diskussionssendungen wie jene von Günther Jauch, Maybrit Illner und Anne Will erfahren in der Analyse ein unter dem Strich negatives Ergebnis ebenso wie die Talkshows von und mit Michel Friedmann oder Markus Lanz. Kritikpunkte sind mitunter selbstdarstellende Moderatoren, allzu häufiges Nachfragen, boulevardeske Einspielungen oder die Gästeauswahl. Zum Positiven entwickelt hat sich die Einbeziehung der Zuschauer im Studio sowie via Social Media und Internet von zu Hause: Nutzergenerierte Inhalte können besser integriert werden.

Doch Talkshows sind kein "Ersatzparlament", betonen die Studienautoren. In Sachen Politikvermittlung sei der Anteil der transportierten Inhalte in den öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen im Vergleich zu den Privatsendern zwar höher, "trotzdem wird die politische Publizistik immer mehr durch die Unterhaltungsorientierung verdrängt".

Internationale Vorbilder


Als internationale Vorbilder nennt die 264-Seiten-Studie die US-TV-Sendung "Meet the Press" (NBC) - wie auch schon in Bernd Gäblers Talkshow-Analyse (die "Wiener Zeitung" berichtete) nahegelegt - sowie "HARDTalk" mit Stephen Sackur, seit 1997 auf BBC. Der harte Face-to-Face-Stil von Sackur führte 2009 sogar dazu, dass ein Gast das Interview in der laufenden Sendung verließ.

Analysiert wurden zudem einstige Klassiker: Rosen streuen die Studienautoren etwa posthum Erich Böhme mit "Talk im Turm" (1990-1998) auf Sat1 und dem "Talkshow-Phänomen" Sabine Christiansen in der ARD (1998-2007). In späten Jahren (2000) war Böhme allerdings am Diskutanten Jörg Haider, damals FPÖ-Chef, gescheitert - es kam zum Eklat, Haider dominierte die Sendezeit und behielt das letzte Wort; zumindest indirekt weist die deutsche Studie auch darauf hin.

Fazit für eine bessere Politik-Vermittlung in der perfekten Talkshow: Optimalerweise dauert diese 60 Minuten und umfasst vier gut gewählte Gäste (Ausgewogenheit, Meinungsvielfalt, Kompetenz, Publikumswünsche), dabei sei "die Inflation der Talkshows das Kernproblem", so die Studie. Sie plädiert für mehr Mut und dafür, "über den Tellerrand des Mainstreams" zu schauen.

"Politisch relevante Themen sind nicht zwangsläufig die Lautesten, sondern die Wichtigsten. Der Weg aus diesem Einheitsbrei erfordert Mut und ein ,Out-of-the-box‘-Denken." Denn: "Guter Journalismus bringt Überraschendes hervor."