Schwieriger Journalismus, finanziert von der Crowd. - © corbis
Schwieriger Journalismus, finanziert von der Crowd. - © corbis

Wien. Guter Journalismus muss auch etwas kosten dürfen. Diese Überzeugung ist heute nicht überall selbstverständlich. Stattdessen greift die Gratismentalität Platz, bei vielen Medien-Konsumenten ebenso wie in vielen Medien-Unternehmen. Deshalb startet jetzt in Deutschland eine neue Art der Finanzierung von Journalismus: "Crowdfunding", also die Finanzierung durch viele kleine Geldgeber.

Die Idee dieser "Schwarmfinanzierung" stammt aus den USA. Sie ermöglichte dort bereits Gesangs- und Filmprojekte - und eben auch neue Medien. In Deutschland sicherten dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt zuletzt 2400 Unterstützer die Anschubfinanzierung für das neue Internet-TV-Format "stoersender.tv". Seit gestern ist auch das deutschsprachige Journalismus-Portal "Krautreporter" online. Hier können Reporter, Fotografen oder Dokumentarfilmer für ihre Projekte Geld einsammeln.

"Wir erleben gerade ein Medien-Massaker", begründet Sebastian Esser seine Initiative gemeinsam mit Wendelin Hübner. Esser führt etwa die insolvente "Frankfurter Rundschau" oder das Ende der "Financial Times Deutschland" an. 2012 haben alleine in Deutschland mehr als tausend festangestellte Journalisten ihren Job verloren. Das sei "schlimm für uns alle", so Esser. Denn weniger Journalismus bedeute "weniger Aufklärung, weniger Kritik, weniger verborgene Wahrheit, die jemand herausfindet". Die Crowdfunding-Idee versteht sich als Experiment, wie man "aufwendigen, schwierigen, wichtigen Journalismus" finanziert.

Die Initiatoren sind sich dessen bewusst, dass "Krautreporter" nicht die Rettung des Journalismus ist, "aber es ist ein Anfang", so Esser. "Wir wollen Journalismus ermöglichen. Journalisten finden und erzählen Geschichten, und um das zu tun, brauchen sie Geld. Das wollen wir auf eine andere Art ermöglichen."

Wer Geld für sein Projekt sammeln will, muss dafür zunächst Werbung in eigener Sache machen: Jeder muss sich und seine Idee auf der Plattform mit einem Video vorstellen. Die Internet-Nutzer - und potenziellen Geldgeber - können sich so besser ein Bild machen, ob das journalistische bzw. fotografische (Recherche-)Projekt ernst gemeint, glaubwürdig und realisierbar ist. Die "Krautreporter" legen innerhalb eines Zeitrahmens einen angestrebten Geldbetrag fest. Wird das Ziel nicht erreicht, bekommen die Unterstützer das zugesagte Geld zurück oder können es in andere Projekte investieren.

Förderer werden genannt

Kommt die benötigte Summe zusammen, wird das Projekt umgesetzt. Dabei verpflichten sich die anbietenden Reporter, auf der Plattform laufend über ihre Arbeit zu berichten. Transparenz und Rechenschaftspflicht ist den Betreibern ein großes Anliegen. Die Journalisten behalten die Rechte an den Texten, Filmen oder Tondokumenten und können ihre Arbeiten an Verlage oder Sender verkaufen. Die Geldgeber erhalten im Gegenzug entweder das fertige Produkt, eine namentliche Erwähnung (im Magazin, Abspann etc.) oder dürfen etwa die Dreharbeiten begleiten - je nach Geldsumme. Aus Österreich macht derzeit zum Beispiel das junge Online-Magazin "paroli" mit. Mit dem "Kopf oder Zahl" titulierten Projekt soll eine interaktive, multimediale Webdoku entstehen, die sich mit der wirtschaftlichen Situation von jungen Erwachsenen in Europa beschäftigt. "Kopf oder Zahl spricht nicht nur über, sondern mit Menschen und möchte auch angesprochen werden", erläutert Fabian Lang.

Zur "Vermessung Europas" setzt er auf Videos, Fotos, Texte und Grafiken, um einen "Ein- und Überblick eines vielschichtigen und verworrenen Europas" zu schaffen. Bei Redaktionsschluss hatte er von den veranschlagten 4000 Euro knapp neun Prozent Finanzierung durch 12 Unterstützer zugesagt bekommen.

Ihren Lebensunterhalt werden die Initiatoren mit "Krautreporter" nicht finanzieren können. Sie erhalten fünf Prozent der auf der Plattform eingestellten Geldsumme. Dass man so direkt mit dem Zielpublikum in Kontakt tritt, könnte unter anderem speziell für den Lokaljournalismus eine neue Chance sein. Eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit tut sich möglicherweise für freie Journalisten auf. Reich wird sie das Angebot nicht machen.