Eine der bekanntesten Szenen aus "Psycho": die Dusche als Ort des Grauens. - © corbis
Eine der bekanntesten Szenen aus "Psycho": die Dusche als Ort des Grauens. - © corbis

Wien. Die Duschszene, ja. Dafür ist "Psycho" (1960) in die Filmgeschichte eingegangen, denn kaum jemand hatte das Grauen auf der Leinwand zuvor effektvoller dargestellt als Alfred Hitchcock. Dabei wäre Hitchcocks Meisterwerk beinahe gar nicht realisiert worden. 1959 hatte der Regisseur mit "Der unsichtbare Dritte" einen sehr erfolgreichen Thriller herausgebracht, doch als er mit dem Drehbuch zu "Psycho" bei seinem Studio Paramount auftauchte, ließ man ihn dort tatsächlich abblitzen. Dem Studio war die Handlung zu brutal, die Figurenzeichnung zu abwegig.

Doch Hitchcock wusste: "Psycho" könnte sein Opus magnum werden, weshalb er seine eigene Villa verpfändete, um den Film selbst zu produzieren. "Der Film hat nur 800.000 Dollar gekostet, und mir ging es darum, herauszufinden, ob ich einen langen Film zu denselben Bedingungen wie einen Fernsehfilm würde machen können", erzählte Hitchcock seinerzeit seinem französischen Kollegen François Truffaut für dessen legendäres Interviewbuch "Truffaut: Hitchcock". Zum Vergleich: "Der unsichtbare Dritte" kostete 3,1 Millionen Dollar, was heute inflationsbereinigt rund 25 Millionen Dollar entspräche.

Hitchcock drehte "Psycho" tatsächlich mit einem TV-Team und arbeitete sehr schnell. "Nur für die Duschszene habe ich die Dreharbeiten verlangsamt", erzählte er Truffaut. "Wir brauchten sieben Tage, sie zu drehen, und wir hatten für 45 Sekunden Film siebzig Kamerapositionen." Ursprünglich sollte die Szene ohne Musikuntermalung auskommen, doch das stakkatohafte Stück "The Murder" von Bernard Herrmann, das dieser extra komponierte, überzeugte Hitchcock schließlich und brachte dem Komponisten kurzerhand eine Verdoppelung seiner Gage.

Genau diese Monate gegen Ende des Jahres 1959 sind es, die der neue Film "Hitchcock" (ab 15. März im Kino) eingehend beleuchtet. Der Regisseur selbst wird gespielt von dem gut ausgepolsterten Anthony Hopkins, als Hitchs Ehefrau Alma Reville ist Helen Mirren zu sehen. Der Film zeigt einerseits die private, recht keusche Beziehung zwischen den beiden, deren Leidenschaft zum Film deutlich größer war als jene zum Sex. Andererseits zeigt der Film, wie sich Hitchcock hinter den Kulissen gab, wie er als Regisseur agierte und seine Hauptdarstellerin Janet Leigh (gespielt von Scarlett Johansson) in Szene setzte. Kein klassisches Bio-Pic, sondern die Fokussierung auf einen wichtigen Lebensabschnitt.

Im ORF-"Kulturmontag" (Mo., 22.30, ORF2) steht neben einer Vorschau auf "Hitchcock" auch noch die Doku "Alptraum Kino - Die Welt des Alfred Hitchcock" auf dem Programm. Auch diese lässt tief blicken in die Arbeitsweise des Suspense-Meisters. Kurz nach den Dreharbeiten von "Marnie" gab Hitchcock 1964 CBS eines seiner raren ausführlichen Interviews. Der Interviewer Fletcher Markle, selbst Regisseur und Drehbuchautor, entlockt "Hitch" Offenbarungen aus seiner Trickkiste ebenso wie private Geständnisse. So bekennt sich der Dompteur der Angst als schüchterner Mensch, der nicht gerne viele Menschen um sich hat.

Auf der Orgel der Angst


Hitchcock spricht über das schauerliche Ende von "Verdacht" aus dem Jahr 1941 mit Cary Grant und Joan Fontaine in den Hauptrollen, das wegen Grants braven Images nicht gedreht werden durfte. Und er schildert, wie er in "Psycho" mit der Duschszene einen Schock evozierte. "Dieser Film ist sehr interessant konstruiert", so Hitchcock. "Er war, was das Spiel mit dem Publikum betrifft, für mich die aufregendste Erfahrung. In ‚Psycho‘ habe ich das Publikum geführt, als ob ich auf einer Orgel gespielt hätte." Im Anschluss an die Doku zeigt ORF2 Hitchcocks "Vertigo - Aus dem Reich der Toten".

Dass Hitchcock wie kein Zweiter das Spannungskino prägte, steht außer Frage. Er hat sich aber auch wie kein anderer bei der Vermarktung seiner Filme engagiert - gerade bei "Psycho", in dem ja sein eigenes Geld steckte. Damals führte er selbst durch seinen sechseinhalbminütigen Trailer (auf YouTube zu finden), um die Schauplätze vorzustellen - und das nicht nur auf Englisch: Hitchcock synchronisierte diesen Trailer sogar selbst auf Deutsch, mit einem spaßigen Akzent, aber wohl wissend, wie wichtig auch dieser Markt für ihn sein würde.

Das Engagement hatte sich ausgezahlt: Die 800.000 Dollar Budget standen am Ende einem Einspielergebnis von 32 Millionen Dollar gegenüber. Hitchcock durfte seine Villa behalten und erhielt freie Bahn für sein nächstes Großprojekt: "Die Vögel".