Wien. Es gehört bereits zur Folklore im öffentlichen Diskurs, "die Medien" der Mittäterschaft anzuklagen, wenn Dinge aus dem Ruder laufen. Gerade bei der gegenwärtigen Wirtschaftskrise wird allenthalben der Vorwurf geäußert, sie sei publizistisch herbeigeschrieben/-geredet oder jedenfalls massiv verstärkt worden. "Wer macht(e) den starken Euro schwach?", lautete denn auch das Thema einer vom Internationalen Forum für Wirtschaftskommunikation (IFWK) veranstalteten Podiumsdiskussion im Presseclub Concordia, in der unter der Leitung des langjährigen, unter anderem auch für die "Wiener Zeitung" tätigen Wirtschaftschaftsjournalisten Peter Muzik die ehemalige Direktorin der Europäischen Zentralbank, Gertrude Tumpel-Gugerell, Universitätsprofessor Mathias Karmasin sowie der ehemalige Wirtschaftsressortleiter und stellvertretende Chefredakteur der "Presse", Franz Schellhorn, der jetzt den Think Tank "Agenda Austria" leitet, argumentativ die Klingen kreuzten.

Medien beeinflussen Kurse


Die Frage aller Fragen, also ob die Medien Mitschuld an der Euro-Krise tragen, konnten sie natürlich nicht beantworten. Zu differenziert und vielschichtig stellt sich die Problematik in der disparaten wirtschaftspolitischen Körperschaft EU dar. "Fraglos hat die Wirtschaftsberichterstattung Auswirkungen auf die Aktienkurse. Ob sie Auswirkungen auf den Kurs des Euro hat, darüber gibt es keine empirischen Daten. Was sich in Österreich schon beobachten lässt: Je mehr über die EU berichtet wird, desto negativer wird die Stimmung um sie und ihre Leitwährung Euro", erläuterte Matthias Karmasin.

Der Klagenfurter Kommunikationswissenschafter will in den Wirtschaftsteilen von Österreichs Printmedien Trennungsunschärfen zwischen Bericht und Kommentar bemerkt haben. Das war an diesem Abend nicht der einzige Topos, über den er mit Franz Schellhorn in den Clinch geriet. Er müsse, konterte Schellhorn, diesen Vorwurf aufs Entschiedenste zurückweisen; gerade in seinem langjährigen Stammblatt "Die Presse" (die er heute noch fallweise mit freien Textbeiträgen beliefert) seien Fakten und Meinung penibel getrennt. "Zum Thema: Haben die Journalisten den Euro rauf- oder runtergeschrieben? Das kann man nicht so einfach sagen. Vielmehr muss man konstatieren, dass sie die Probleme nicht gesehen haben. Als Informationspartner haben sie sich so gesehen nicht gut bewährt."

Das liege, so Schellhorn als erfrischende Konter-Stimme im lauten Klagechor über die zeit- und recherchemordende Sparwut in den Zeitungsverlagen, nicht wirklich an der angespannten Medienmarkt-Situation: "Es ist eine Frage, wie man sich den Tag einteilt. Wenn man nacheinander Agenturmeldungen abschreibt und mit zwei zusätzlichen Anrufen aufputzt, dann ist das eben wenig fundiert. Was wir aber wirklich haben, sind Ausbildungsprobleme beim Nachwuchs. Insbesondere Schulabgänger haben von Wirtschaft keine Ahnung."

Breite Masse


Die "breite Masse" dagegen, meinte Schellhorn, verstehe von Wirtschaft mehr, als allgemein angenommen werde - auch, weil die Materie heute in der Regel journalistisch viel verständlicher vermittelt werde als noch vor 20 Jahren, als sich Wirtschaftsberichterstattung praktisch nur an Experten gerichtet hätte. Dem pflichtete Gertrude Tumpel-Gugarell bei. Solchermaßen hätte die Berichterstattung über die wirtschaftlichen Probleme im EU-Raum durchaus Fortschritte im Sinne einer supranationalen Perzeption mit sich gebracht: "Wir haben heute eine stärkere Wahrnehmung von anderen Ländern als noch vor Ausbruch der Krise", konstatiert sie, sieht aber noch immer beträchtliche Defizite und beklagt etwa das Fehlen eines eurozonenweiten Mediums für Wirtschaftsberichterstattung.

Einem solchen könnte auch Matthias Karmasin etwas abgewinnen. Sein Vertrauen in paneuropäische Initiativen und Projekte ist angesichts der kulturellen und sprachlichen Unterschiede allerdings in letzter Zeit recht limitiert. So ist für Karmasin Pluralität das wichtigste Asset einer brauchbaren Wirtschaftsberichterstattung im Euro-Raum: "Wenn sich mein Europabild ausschließlich aus der Quelle der Krone-Prawda speisen würde, fände ich die Europäische Union wahrscheinlich auch furchtbar."