Commissario Brunetti ermittelt in der sommerlich aufgeheizten Lagunenstadt. - © ard
Commissario Brunetti ermittelt in der sommerlich aufgeheizten Lagunenstadt. - © ard

Wien. Was macht einen wirklich guten Krimi aus? Ein gut durchdachter und in seiner Art einzigartiger Plot? Natürlich. Eine verstrickte und bis zuletzt spannende Ermittlung? Selbstverständlich. Doch davon gibt es viele. Allein, nur wenige sind so gut, dass sie den Sprung auf die Leinwand oder ins TV verdienen. Denn vielen fehlt die entscheidende Zutat: der Kommissar. Hercule Poirot, Miss Marple, Sherlock Holmes und Doktor Watson - sie alle erlangten durch ihre Schöpfer Weltruhm und dienten oft als Vorlage für feinste Kriminalistik in Kino und TV.

Was Agatha Christie und Sir Arthur Conan Doyle schon vor vielen Jahren mit ihren Figuren gelungen ist, schaffte innerhalb der letzten zwanzig Jahre aber noch eine Frau. Ihr Wohnort ist Venedig, ihr Name Donna Leon und ihr Ermittler: der großartige Guido Brunetti. Insgesamt 21 Fälle hat der sympathische "Commissario" bereits gelöst. Und das so charmant, dass die ARD seine Fälle regelmäßig für das deutschsprachige Fernsehen verfilmt. Sobald also ein neuer Kriminalroman in den Handel gelangt, reist eine Filmcrew in die Stadt am Wasser und beginnt, die Originalschauplätze aufzusuchen und den Fall so detailgetreu wie nur möglich ins TV zu transportieren. Eine Herausforderung in der verwinkelten Touristenhochburg Venedig. Die letzte TV-Premiere "Donna Leon - Schöner Schein" wollten sieben Millionen Menschen sehen und bescherten dem Sender einen neuen Quotenrekord. Samstagabend wird der mittlerweile 19. Fall ausgestrahlt. In "Donna Leon - Auf Treu und Glauben" (Sa., 20.15 Uhr, ARD) will Familie Brunetti Urlaub machen. In die Berge soll es gehen, um der glühenden Hitze Venedigs zu entkommen.

Mordstadt Venedig


Doch die Erholung währt nicht lange, Brunetti wird wegen eines Falles bald zurückbeordert. Ein Gerichtsdiener wurde vor seiner Wohnung erschlagen. Die Obduktion ergibt, dass er kurz vor seinem Tod Geschlechtsverkehr mit einem Mann hatte. So beginnt der Kommissar mit den Ermittlungen im Homosexuellen-Milieu. Und wird schnell fündig. Ein Rechtsanwalt war unglücklich in das Opfer verliebt, kann noch dazu kein Alibi vorweisen - Fall erledigt?

Der Tatort Venedig ist es, der die Krimireihe von Donna Leon, egal ob geschrieben oder verfilmt, besonders auszeichnet. Die Amerikanerin, die seit Jahren zurückgezogen und unerkannt in Venedig lebt, hat sich als Verbrechensschauplatz ausgerechnet ihre Wahlheimat ausgesucht. Und beschreibt für ihre Leser ein Venedig, ganz fernab von Touristenhorden, in dem das alltägliche Leben eben ab und zu von einem Verbrechen unterbrochen wird. Dabei bedient sie sich sogar manchmal des einen oder anderen Italien-Klischees, ohne jemals klischeehaft zu wirken.

Dasselbe gelingt ihr auch bei Brunetti. Im Vergleich mit der liebenswerten Arroganz des französischen, Pardon, belgischen Ermittlers Hercule Poirot oder der Schrulligkeit einer Miss Marple, wirkt er gar ein bisschen langweilig und farblos. Brunetti ist Familienmensch, liebt gutes Essen und Wein, hat zwei Kinder und eine nette Ehefrau.

Und genau das macht seinen Charme aus. Er ist ein normaler Mensch, mit Ecken und Kanten und einem zugegebenermaßen
etwas nervenaufreibenden Job. Für die Verfilmung wurde mit Uwe Kockisch eine perfekte Besetzung des venezianischen Kommissars gefunden. Nicht ganz so schrullig wie eine Margaret Rutherford als Miss Marple oder so genial und weltfremd wie Benedict Cumberbatch als moderner Sherlock Holmes. Dafür aber sehr menschlich. Und so bleibt zu hoffen, dass die Lagunenstadt noch lange nicht untergehen wird, es wäre wirklich schade um den "Commissario".