• vom 13.05.2013, 17:30 Uhr

Medien

Update: 21.04.2015, 17:14 Uhr

Inglourious Basterds

Rache, nicht Recht




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Von Alexander Dworzak

  • Ein gebürtiger Wiener tötete nach Ende des Zweiten Weltkriegs Nationalsozialisten
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - © 3sat

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". © 3sat

"Es zittern die morschen Knochen, wenn alles in Scherben fällt. Denn heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt." Mit fester Stimme intoniert der alte Mann ein Soldatenlied. Am linken Oberarm trägt er die Hakenkreuzbinde, auf der gelben Binde darunter prangt in schwarzer Frakturschrift "Deutsche Wehrmacht". Der Zahn der Zeit nagt an Wehrturm und Zaun im Hintergrund. Doch es ist kein Altnazi, der sich vor einem scheinbaren KZ-Außenlager postiert. Der Turm steht im israelischen Kibbuz Kfar Menachem, und der Mann trägt eine Kippa.

Chaim Miller tötete mit jüdischen Soldaten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg rund 20 höherrangige Nazis, Männer der Gestapo und SS. Das ist für manche Zuseher eine Analogie zu Quentin Tarantinos Film "Inglourious Basterds". Das Leben des mittlerweile 92-Jährigen zeichnen Andreas Kuba und Simon Wieland in der Dokumentation "Killing Nazis" nach (Mittwoch, 20.15 Uhr, 3sat).


Als Alfred Müller kommt Chaim Miller 1921 in der Wiener Thaliastraße zur Welt. Zinskasernen und Arbeiter prägen die Ottakringer Vorstadt. Der junge Fredl, wie ihn die Eltern rufen, strebt keine Laufbahn als Richter oder Arzt an; er beginnt mit 14 Jahren seine Schlosserlehre. Am 1. Mai marschiert er stets mit den Sozialdemokraten auf den Rathausplatz. Früher als andere zieht Fredl aus dem Erstarken des Antisemitismus - der während des Austrofaschismus grassiert - Konsequenzen: "Ich habe verstanden, dass ich als Jude nicht weit komme." Im Februar 1939 wandert er schließlich aus. Bei der Verabschiedung läuft Fredls Mutter einige Meter mit der Straßenbahn mit. Er sieht sie nie mehr wieder - sie wird 1942 nach Riga deportiert und dort erschossen.

Neue Heimat, neuer Name: In Palästina wird aus Alfred Müller Chaim Miller. Sein Schiff erreicht am 15. März 1939 das britische Mandatsgebiet; am selben Tag marschieren deutsche Truppen in Prag ein. Doch auch im Kibbuz in Palästina - Miller lebt bis heute dort und arbeitet in der Schlosserei - ist er nicht sicher. Die Nationalsozialisten sind in Nordafrika auf dem Vormarsch. Als Gegenmaßnahme plant die Haganah, Vorläuferin der israelischen Armee, Sabotageakte hinter der deutschen Linie; Juden aus Österreich und Deutschland werden ausgebildet, lernen vom Exerzieren über den Umgang mit NS-Waffen bis zum Liedgut alles, um als "echte" deutsche Soldaten durchzugehen.

Zum Einsatz kommt es nie, dafür wird Chaim mit einer jüdischen Einheit nach Europa geschickt. Zu Kriegsende ist er im italienischen Grenzgebiet um Tarvis. Jugoslawische Partisanen berichten von den Gräueltaten der Nazis und liefern deren Adressen. Die 40 jüdischen Soldaten greifen auf eigene Faust zur Selbstjustiz - die Aktion Nakam, hebräisch für Rache, ist geboren: Die Männer verschleppen in Kleingruppen Verdächtige in die Wälder und halten dort über sie Gericht. Nach einer halben Stunde wird das "Todesurteil" verkündet. Der Gefangene wird erschossen.

Keine Selbstzweifel
"Das gehört ihm, nach allem, was wir über ihn gehört haben", beschreibt Miller seine damalige Gefühlslage. Eines seiner Opfer schaufelte sich sein Grab selbst, zwei weitere wurden am Großglockner in eine Gletscherspalte gestoßen. Um Gnade gefleht oder "Heil Hitler" geschrien habe keiner. "Angst hatten sie nicht. Sie wussten, was ihnen passiert und waren bereits über den Zustand der Angst hinaus", sagt Miller.

Mit der gleichen festen Stimme wie beim Intonieren der NS-Lieder schildert Chaim Miller die Taten der Truppe. Warum der 92-Jährige nach Jahrzehnten sein Schweigen bricht, verrät er nicht. Eine Abbitte aus Reue im hohen Alter ist es aber nicht: "Bereut haben wir lediglich, dass wir nicht mehr gemacht haben."

Seine Familie sieht die Handlungen differenziert: "Rache ist nicht logisch und auch niemals angebracht. Sie ist aber das stärkste Gefühl, das wir haben", sagt Tochter Batya. Zum Zeitpunkt der Morde mögen diese emotional gerechtfertigt gewesen sein; aus heutiger Sicht aber nicht, empfindet die Enkelin

Einen Prozess gegen sich muss Miller nicht fürchten: Ein Verfahren der bayerischen Justiz wurde nach internationalen Protesten eingestellt. Und die "Kämpferamnestie" in Österreich stellte Taten bis Ende 1945 straffrei, wenn sie gegen den Nationalsozialismus begangen wurden.

Dennoch ist Chaim seiner Enkelin ein Vorbild: Er habe stets Verantwortung übernommen und sich nicht auf andere verlassen. Sein Lebensmotto umreißt Chaim Miller dementsprechend knapp und prägnant: "Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an mich."




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Dokument erstellt am 2013-05-13 17:32:06
Letzte Änderung am 2015-04-21 17:14:14


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