"In 20 Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Wenn doch, vielleicht als Luxusartikel, den sich bestimmte Hotels erlauben, als extravaganten Service für ihre Gäste. Gedruckte Tageszeitungen werden in 20 Jahren nicht mehr normal sein."

Der Mann, der das in einem Interview mit der "Berliner Zeitung" vor einem Jahr gesagt hat, heißt Jeff Bezos und ist der Gründer von Amazon. Dass er, Pionier des Internethandels, so etwas sagt, ist also keine große Überraschung. Am Montag freilich hat Bezos eine der renommiertesten Tageszeitungen der Welt, die "Washington Post" für 250 Millionen Dollar gekauft. Da war es wiederum kein Wunder, dass ein Ruck durch die Medienwelt ging. Von einem Paukenschlag war die Rede und vom Beginn einer neuen Ära.

Historischer Moment

Sorge und Zuversicht hielten sich dementsprechend die Waage. Carl Bernstein, der Journalist, der mit Bob Woodward mit der Aufdeckung des Watergate-Skandals für die wohl berühmteste Geschichte der "Washington Post" verantwortlich war, spricht von einem historischen Moment. Er traut Bezos zu, mit der "Post" einen Präzedenzfall zu schaffen, der "dauerhafte journalistische Werte" mit "dem gesamten Potenzial des digitalen Zeitalters" verbindet.

Und kaum einer - außer vielleicht noch Mark Zuckerberg von Facebook und Larry Page von Google - wird so mit dem "digitalen Zeitalter" identifiziert wie Jeff Bezos, der eine Onlinebuchhandlung gründete und nun den größten Gemischtwarenladen des Internets besitzt.

Amazon, das ist schon lange nicht mehr nur der Gottseibeiuns für den kleinen Buchhändler. Über die Adresse findet man Zugang zu einer kunterbunten Warenwelt, die von Mode über Lebensmittel und Spielwaren bis hin zum "Edlen Eierkratzer für den Mann von heute" (15,56 Euro) reicht. Und all das ist, meist ohne Versandkosten, in ein paar Tagen zuhause eingelangt. Dass es für diese Unkompliziertheit Gründe geben muss, hat Anfang des Jahres eine TV-Doku über die Arbeitszustände im Logistikzentrum im deutschen Bad Hersfeld nahegelegt. Da wurde gefilmt, wie Securitys Leiharbeiter schikaniert haben. Die Aufregung war groß, nicht wenige Kunden drohten, nicht mehr bei Amazon zu kaufen und ihre Konten zu löschen. Mittlerweile ist der Skandal im Alltag versickert - so vergesslich ist der konsumorientierte Mensch. In Bad Hersfeld mögen die Arbeiter zwar streiken, die Kunden echauffiert dieser Tage eher, dass Amazon Konten sperrt, wenn man zu oft bestellte Artikel zurücksendet.