Wird die Debatte besser, wenn man anonyme Postings abschafft? - © corbis/twitter (Montage)
Wird die Debatte besser, wenn man anonyme Postings abschafft? - © corbis/twitter (Montage)

Wien. Welches Thema kann arrivierte Journalistinnen und Journalisten in Österreich so auf die Palme bringen, dass vor gegenseitigen Schuldzuweisungen und Inkompetenzstreitigkeiten in sozialen Netzwerken nicht Halt gemacht wird? Die innenpolitische Situation des Landes? Die Abschiebung der Flüchtlinge aus dem Servitenkloster? Mitnichten. Es geht um die Fragen, wie anonym Leserinnen und Leser auf Online-Plattformen ihre Meinung kundtun dürfen und welche Maßnahmen ein Medium ergreifen muss, um Beleidigungen und Untergriffe zu unterbinden. Anonymität versus Echtnamenpflicht, Meinungsfreiheit versus Redaktionsgeheimnis und Datenschutz - so kann die aktuelle Diskussion wohl am ehesten zusammengefasst werden.

Wer in den letzten Tagen einen Blick in die sozialen Netzwerke gemacht hat und sich für Medien interessiert, war mehr oder weniger freiwillig Zeuge einer durchaus spannenden - wenn manchmal auch wenig sachlichen - Diskussion heimischer Journalisten rund um die Frage, wie viel Anonymität bei Leserkommentaren ein Online-Auftritt beziehungsweise der gesunde Menschenverstand verträgt. Die Protagonisten in dieser "Schlacht der Medien um Postings und Klarnamen", die mittlerweile fast täglich öffentlich geführt wird, sind durchwegs bekannte Größen in der heimischen Medienlandschaft: Gerlinde Hinterleitner vom "Standard", Euke Frank von "Woman", Florian Klenk vom "Falter", aber auch Armin Wolf vom ORF oder Thomas Seifert von der "Wiener Zeitung", um hier nur ein paar Namen zu nennen. Die Fronten sind klar aufgeteilt: Auf der einen Seite die Verteidiger der Anonymität, die dadurch einen wesentlichen Beitrag zur Meinungsfreiheit und -vielfalt sehen und aufgrund großer Partizipation der Leser eventuell einen Einbruch am Postingaufkommen befürchten. Auf der anderen Seite die Befürworter einer Echtnamenpflicht, die sich einen Qualitätssprung in den Meinungen, ein Ende der Beleidigungen und der bewusst untergriffigen Kommentatoren, gemeinhin als "Trolle" bekannt, erhoffen.

Ein Blick in die vielbesuchten Foren der hochfrequentierten Nachrichtenseiten dieses Landes zeigt, dass sich hinter dem Deckmantel der Anonymität viele Nutzer verbergen, die andere Personen oder Meinungen verunglimpfen. Beleidigungen stehen ebenso an der Tagesordnung, wie rassistische oder sexistische Kommentare. Egal ob es nun das Online-Angebot von "Standard" oder "Krone" ist, Gehässigkeit und Schwarmbosheit machen offenbar keinen Unterschied in der Bildungsschicht. Versteckt hinter Decknamen lassen viele Menschen gute Umgangsformen und Intelligenz vermissen. Insofern scheint die Forderung nach einem Zwang, seine Identität preiszugeben, durchaus verständlich.