Die Betreiber der Seiten argumentieren, dass die Kommentare ohnehin moderiert, sprich erst nach einer Prüfung freigeschalten werden und User im Falle des Falles auch gesperrt würden. Generell hat es sich schon durchgesetzt, dass bei Todesmeldungen Kommentarfunktionen deaktiviert sind, um eine posthume Beschimpfung zu unterbinden. Doch sind alle Leser wirklich so? Liegt es in der Natur des Menschen, dass man sich im Schatten der Pseudonyme zu Beleidigungen und Schimpftiraden verleiten lässt? Das Kommentieren unter Deckname ermöglicht einen Rückkanal für Redaktionen, um Hinweise zu geben, Geschichten zu erzählen oder die Welt an Gedanken, Ideen und Missständen teilhaben zu lassen, die man auf anderem Weg nicht äußern kann.

Kein rechtsfreier Raum


Wird hier nicht ein kleiner Teil der Gesamtheit als Maßstab genommen, um die Mehrheit zu beschränken? Die Mehrheit sollte doch vielmehr zum Korrektiv werden und die schimpfende Minderheit in die Schranken weisen. Immerhin handelt es sich auch bei Postings nicht um einen rechtsfreien Raum - auf richterliche Anordnung müssen Nutzerdaten bekannt gegeben werden.

Auf Twitter war in den letzten Tagen von "das ist einer Qualitätszeitung nicht würdig" über "Anonym posten macht Sinn und ist spannend. Aber soll es wirklich ein Freibrief für Vernaderungen aller Art sein?" die Rede, es ging von "Die Kunst ist, diesen Spagat hinzukriegen, offene Diskussion und doch respektvoller Umgang" bis hin zu "Die Abschaffung der Anonymität, noch dazu in Form der Echtnamenpflicht, ist schlicht der falsche Ansatzpunkt".

"Standard"-Verlagsleiterin Gerlinde Hinterleiter sieht im "WZ"-Gespräch weiterhin keine Veranlassung, die Anonymität abzuschaffen - auch aus grundsätzlichen Überlegungen: "Das ist bis zu einem gewissen Grad das, was das Internet ausmacht." Um digitale Handgreiflichkeiten zu vermeiden, sei Kontrolle aber auch Steuerung des Klimas in den Foren effizienter: "Wie man an der Debatte gesehen hat, sind Klarnamen nicht unbedingt ein Garant für mehr Niveau in der Diskussion."

Journalisten diskutieren also mit Journalisten über ihre Leser und das öffentlich. Das Dilemma: Als Journalist will man zwar wissen, was die Kunden über Artikel denken, aber Kritik - muss das sein? Abgesehen davon, dass es Journalisten gewohnt sind, mit Namen zu ihrer Meinung zu stehen - da tut anonyme, persönliche Kritik natürlich doppelt weh.

Fest steht, dass eine Klarnamenpflicht, sollte dies wirklich der Weisheit letzter Schluss sein, einige administrative Änderungen mit sich bringen würde. Wie sollte man feststellen, ob sich hinter Namen und E-Mail-Adresse wirklich diese Person befindet? Wenn sich Anwender erst über Kreditkarten oder Handy, Ausweis oder digitale Signatur anmelden müssten, wäre dies nicht konsumentenfreundlich. Die andere Möglichkeit: Viel mehr Ressourcen in Moderation stecken. Ob diese Vorgehensweise aber in Spar-Zeiten bei Medien überhaupt realistisch wäre, ist unklar. Bis dahin wird das aktuelle Wortgefecht nicht das letzte gewesen sein.