Vielleicht nicht alle - aber viele - alte Radios könnten durchaus noch verwendet werden. Bei einer Digitalisierung hätten alle Radios schlagartig ausgedient. - © corbis
Vielleicht nicht alle - aber viele - alte Radios könnten durchaus noch verwendet werden. Bei einer Digitalisierung hätten alle Radios schlagartig ausgedient. - © corbis

Wer heute ein altes Radio auf Opas Dachboden findet, hat Grund zur Freude: Nicht nur, wenn es sich um ein edles Stück mit Wurzelholzgehäuse oder verchromten Knöpfen handelt, das sicher auf eBay bei einem Liebhaber oder Sammler einen guten Preis erzielen wird. Nein, wenn man Glück hat, kann es noch genau das tun, was es tun soll: Man kann damit Radio hören, sofern das Gerät bereits auf der damals modernen Ultrakurzwelle empfangsbereit war. An dieser Technologie hat sich im Kern seit den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht allzu viel geändert. Auch heute noch kann also Rihanna die Telefunken so richtig zum Glühen bringen.

Fernsehen, Filme, Musik, Magazine und Zeitungen, fast alle Medien haben die digitale Verbreitung für sich nutzbar gemacht. In einigen Bereichen, etwa dem Fernsehen, hat man das analoge System bereits ganz abgeschafft und nützt somit die Sparpotenziale, die den Betreibern das digitale Senden bringt. Die Medien sind somit mittlerweile (auch) digital unterwegs.

Das Radio in Österreich hingegen nicht. Im Unterschied zu Deutschland, Großbritannien oder der Schweiz fährt man hier noch immer nur analog.

Was ist der Grund für diesen vermeintlichen Anachronismus? Ist es Nostalgie oder gibt es vielleicht technische Probleme? Letzteres muss man ausschließen, denn die Technik liegt vor: Mit DAB+ (Digital Audio Broadcasting) liegt sogar ein Standard vor, der europaweit einheitlichen digitalen Empfang ermöglichen könnte. Wenn . . .

Kein Interesse am Umstieg


Ja, wenn jemand darauf senden würde. Denn das Digitale Radio hat in Österreich das Problem, dass die überwiegende Zahl der Sender absolut gar kein Interesse an einem Umstieg haben. Und das, obwohl es die Kosten für die Sendeanlagen sehr stark senken würde. Der Grund ist im Wesentlichen ein Hang zum Besitzstandwahren. Denn UKW-Frequenzen sind ein heftig umkämpftes und sehr knappes Gut. Würde man die Übertragung digitalisieren, könnte man plötzlich auf einer Frequenz ein gutes Dutzend Sender übertragen - wenn nicht mehr. Das würde schlagartig nicht lediglich eine Handvoll Radioanbieter möglich machen, sondern im Extremfall eine dreistellige Zahl.

Gut für die, die gerne senden wollen und keine Frequenz haben. Für die, die es schon gibt, ein Alptraum. Nicht nur, dass die Frequenzen, die man hart erkämpft hat, nun quasi entwertet werden, es steht zu befürchten, dass der Markt dadurch stark verändert wird. So könnten plötzlich dutzende kleine Special-Interest-Sender entstehen oder Sender aus dem Ausland ihr Programm durchschalten und die großen, allen voran die ORF-Radios, die immer noch gut drei Viertel des Marktes beherrschen, Marktanteile kosten. Daher hat etwa gerade Ö3 kein Interesse an einer Digitalisierung, wie man immer wieder bekundet: Man sehe auch gar keinen Nutzen für den Zuhörer.

Tatsächlich ist die Frage des Nutzens für die Hörer, wenn man die mögliche Vielfalt weglässt, eine Glaubensfrage. So ist die versprochene bessere Qualität umstritten, das Programm wäre zwar an sich rauschfrei - allerdings nur deshalb, weil der Sender, wenn man ihn verliert, gleich ganz ausblendet. Die zusätzliche Übertragung von Informationen aufs Display mag vielleicht bei Songtiteln interessant sein. Die Möglichkeit, gewisse Teile des Programms, etwa den Verkehrsfunk, "auf Vorrat" abrufbar zu machen, wäre sicher für den einen oder andere Autofahrer ein interessantes Feature, aber: Die Killer-Applikation, auf die alle gewartet haben, um der Technologie zum Durchbruch zu verhelfen, ist das wohl nicht. Völlig absurd wird es bei dem Hinweis, dass dann als Asset ein "elektronischer Programm-Guide" mitgesendet werden könnte. Ein solcher wäre wohl nur dann sinnvoll, wenn die Radiostationen (mit Ausnahme einiger weniger Wortsender) nicht alle ohnehin immer dieselbe Eintönigkeit vor sich hindudeln würden.

Tatsächlich schrammt die Diskussion darüber, was DAB kann, hart an der Sinnfrage vorbei. Es gibt kaum etwas, was man sich heute, in Zeiten von Smartphones und der Omnipräsenz von Webradio oder Podcasts, nicht auch aus dem Netz holen könnte. Denn die Endgeräte, die bei einer tatsächlichen Einführung von DAB+ verkauft würden, haben heute in der Regel auch das alte UKW und verfügen zusätzlich über ein WLAN-Modul. Damit können Radiosender aus dem Internet gestreamt werden. Wenn man also ohnehin über WLAN so gut wie jedes Radio der Welt digital hören kann - wozu braucht man dann DAB?

Hier argumentieren die Befürworter, dass - wenn das viele machen - die mangelnde Netzwerk-Bandbreite ein Thema wird.

Tatsächlich scheint es, dass das Radio den Schritt in die Digitalisierung wirklich so lange verschleppt hat, bis es heute auch schon egal ist. Hätte eine forcierte Einführung Mitte der Neunziger Jahre noch Sinn gemacht, tut man sich heute schwer, dem Konsumenten zu vermitteln, warum er jetzt alle seine Radios verschrotten soll. Denn das würde den im Schnitt drei Radiogeräten pro österreichischem Haushalt blühen: Die alten Geräte können mit dem neuen Standard nichts anfangen und bleiben stumm. Was bei einem Drei-Euro-Gerät mit Kopfhörer für den Strand zwar ärgerlich, aber im Prinzip egal ist, wird bei einem fix verbauten Autoradio mit eingebautem Navi schnell zum Anschlag auf die Brieftasche.