"Da wird einem ja schlecht!" Die Worte eines geschockten Besuchers hallen durch den Ausstellungsraum der Fotogalerie WestLicht. In der Tat: Viele der gekürten World Press Fotos des Jahres 2012 sind nichts für schwache Nerven: da sieht man einen weinenden syrischen Bub mit blutverschmierten Händen, eine Leichenschändung in Gaza, eine schwerverletzte Frau nach der Bombardierung ihres Hauses im syrischen Idlib, oder Leichen in einer Blutlache in Honduras. Den Bildern zufolge ist es nicht gut bestellt um diese Welt - auch dann, wenn kein Blut zu sehen ist, wie die Serie von Ebrahim Noroozi über eine iranische Mutter und ihr Kind, beide nach einem Säureattentat entstellt, zeigen.

Insgesamt reichten heuer 5.666 FotografInnen aus 124 Ländern mehr als 100.000 Fotos ein, 54 SiegerInnen aus 33 Ländern haben es mit ihren Arbeiten in die Wanderausstellung geschafft. Die Ausstellung in Wien ist in acht in Themenbereiche gegliedert, die neben den intensiven Fotos von Leid und Gewalt auch Alltagsszenen sowie Bilder aus Sport und der Tierwelt zeigen. So kann man sich an schwimmenden Kaiserpinguinen im glasklaren Wasser erfrischen, Porträts von Sumo-Ringern studieren oder ein geschickt inszeniertes Foto von turnenden Kindern in China auflösen. Fausto Podavini wiederum zeigt in klug arrangierten Szenen eine ihren Mann pflegende Frau und Xiaoquin Zheng bildet mit ihren Fotos von deprimierten Tieren in chinesischen Zoos eine Gefangenschaft der anderen Art ab.

Fotostrecke 14 Bilder

Bei einem handamputierten, halbverwesten sudanesischen Soldaten, der in einem Ölsee treibt in dem sich der Wolkenhimmel spiegelt, kommt indessen die Frage nach den Grenzen der ästhetischen Abbildung von Toten auf:  Kann ein Bild überhaupt gut und schön sein, das einen ermordeten Menschen zeigt?

Das Siegerfoto von Paul Hansen wiederum löste Diskussionen um Bildbearbeitung und Zukunft der Pressefotografie aus. Im November 2012 knippste der Schwede in Gaza-Stadt ein Bild von einem Trauerzug für zwei palästinensische Buben und deren Vater. Drei Monate später wird es zum Foto des Jahres gekürt. Nicht als politisches Bild will der Fotograf sein Siegerfoto verstanden wissen, sondern als ein internationales Bild, das sich überall ereignen könnte.

Ob überall die Leichen toter Kinder geknippst und weltweit veröffentlicht würden? Allen voran aber war das Foto vielen Kritikern zu perfekt, zu realistisch. Es war ihrer Ansicht nach mit einem Bildbearbeitungsprogramm manipuliert worden. Hansen selbst bestritt nicht, Änderungen an dem Bild vorgenommen zu haben, allerdings sei dies keine Manipulation. Er habe lediglich Farbtiefe und Farbgebung verändert. Barbara Bufkens von der World Press Photo Foundation betonte, dass sich die Jury an sehr strenge Vorgaben halte: Es dürfe nichts hinzugfügt oder wegretuschiert werden. Außerdem setze sich das Bild nicht aus mehreren Bildern zusammen, "Wir haben das Foto genau geprüft, Hansen hat alle Regeln eingehalten," sagt sie der "Wiener Zeitung". Kritiker befürchten jedoch, dass ein fairer Wettbewerb in Zukunft nicht mehr möglich sei, wenn die Jury solche Bearbeitungen von Fotos akzeptiert.