Die Brille trägt er nicht unbedingt aus modischen Gründen, sondern deshalb, weil er nicht gerne beobachtet wird. Vielmehr schlüpft er lieber selbst in die Rolle des Beobachters. Unter Beobachtung steht er trotzdem seit Jahrzehnten, und in den kommenden Tagen wird dieser Umstand vermutlich einen neuen Höhepunkt erreichen. Dann wird Modedesigner Karl Lagerfeld 80 Jahre alt. Vermutlich.

Denn gerade er, der prinzipiell zu allem und jedem eine Meinung vertritt und sich mit dieser auch nie in nobler Zurückhaltung übt, machte über sein Geburtsjahr stets sehr widersprüchliche Angaben. Offiziell war es lange das Jahr 1938, in dem er das Licht der Welt erblickte, bis diese Jahreszahl irgendwann durch 1935 ersetzt wurde. Aufgrund neuer Recherchen steht der Zähler momentan bei 1933.

Und so wird am kommenden Dienstag eben das 80-jährige Bestehen des Ausnahme-Designers gefeiert. Im TV-Programm äußern sich die Feierlichkeiten bereits an diesem Wochenende in Form zweier sehenswerter Dokumentationen. Am Samstag zeigt VOX die fast vierstündige Doku "Karl Lagerfeld - Mode als Religion" (Sa., 20.15 Uhr, VOX), für die Autorin Martina Neuen den umtriebigen Modeschöpfer über 16 Monate lang begleitet hat.

Ein Bild mit Seltenheitswert: Karl Lagerfeld, ohne Sonnenbrille. - © Vox
Ein Bild mit Seltenheitswert: Karl Lagerfeld, ohne Sonnenbrille. - © Vox

Darin öffnet der Designer nicht nur sein ganz privates Fotoarchiv, sondern lässt auch die heiligen Pforten zu seinen Kreativstätten unverschlossen. Getreu dem Titel der Dokumentation wird die Welt des Modepapstes mit einer eigenen Religion gleichgesetzt. Einer Welt, in der Models Engel sind, Heilige als Stars auftreten, der Vatikan mit dem modischen Hauptquartier in Paris und die Bibel mit dem wohl mächtigsten Modemagazin, der "Vogue", verglichen wird. Und dann wären da selbstverständlich noch die Gläubigen, also die Kunden, die Lagerfelds Mode verehren und lieben.

Einblick in Obsessionen


Und weil Mode in dieser Dokumentation nicht nur mit einer Religion verglichen, sondern auch als solche bewiesen werden soll, gibt es zusätzlich ein interessantes Experiment zu sehen: Der Gehirnforscher Christian Elger untersucht am Beispiel eines katholischen Pfarrers und eines eingefleischten Modefans, ob der jeweilige Glaube mitunter gleiche Gefühle und körperliche Reaktionen auslöst. Sonntagabend erweist dann auch ORF2 dem mächtigen Modemacher die Ehre. In der Dokumentation "Lagerfeld Confidential" (So., 23.25 Uhr, ORF2) sucht Filmemacher Rodolphe Marconi nach Antworten, die Lagerfeld jahrelang verweigert hat. Ist er wirklich homosexuell oder kokettiert er nur damit? Wie sieht er ohne Brille aus? Wie war das Verhältnis zur Mutter?

In 150 Stunden Filmmaterial fand Marconi schließlich Antworten auf diese Fragen und gibt Einblicke in das Leben und die vielen verschiedenen Obsessionen des Modeschöpfers. Er zeigt Lagerfeld nicht nur als Chefdesigner von Chanel, sondern auch als passionierten Fotografen, Büchersammler, Kunstliebhaber und Kunstkenner.

Es gibt viele Seiten von Karl Lagerfeld, und nicht alle sind liebenswert. Zum Beispiel, wenn er wieder einmal öffentlichkeitswirksam zu einem Rundumschlag gegen prominente Kollegen ausholt oder seiner Arroganz völlig freien Lauf lässt. Doch an Geburtstagen sollen vor allem die positiven Seiten im Mittelpunkt stehen. Wie das modische Lebenswerk, das er geschaffen hat, oder seine aufopferungsvolle Rolle als Ziehvater seiner Katze "Choupette", die sogar einen eigenen Twitter-Account besitzt. Und seine Direktheit, die er nicht nur in Form einer ungefragten Stil-Beratung für die deutsche Kanzlerin auslebt, sondern vor allem gegenüber sich selbst: "Ich weiß, wie lästig, unmöglich und schwer zufriedenzustellen ich sein kann. Ich würde mich selbst nicht weiterempfehlen." Muss er auch nicht. Das übernehmen seine zahlreichen Gläubigen gerne für ihn.