Bibi Fellner steigt in den Ring gegen brutale Menschenhändler. - © orf
Bibi Fellner steigt in den Ring gegen brutale Menschenhändler. - © orf

Eines ist unbestritten: Kaum etwas hat dem österreichischen "Tatort" jemals so gut getan wie die Entscheidung, Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) eine Partnerin zur Seite zu stellen. Bibi Fellner, gespielt von Adele Neuhauser, hat den meist zwischen halblustig und echt fad changierenden heimatlichen "Tatorten" eine dringend notwendige Dynamik verliehen.

Nicht ganz zufällig steht Eisners Kompagnonin nun auch immer öfter im Mittelpunkt des Geschehens. Nach dem neuen Fall "Angezählt", der Sonntag (20.15 Uhr) auf ORF2 und im ARD zu sehen ist, weiß man nun wohl endgültig sogar mehr über sie, als man über Moritz Eisner bisher wusste. Aber vielleicht kommt einem das auch nur so vor, weil Krassnitzers Eisner immer schon eine eher spröde bis uninteressante Figur war.

Benzin in der Spritzpistole


"Angezählt" beginnt mit einem aufrüttelnd perfiden Anschlag: Ein Bub hängt neben einer Kellnerin in der Rauchpause herum, bis er sie mit kalten, traurigen Augen mit der Spritzpistole beschießt. Schnell zeigt sich, dass seine "Munition" nicht Wasser, sondern Benzin ist.

Dieser Bub überreicht Moritz Eisner schließlich einen Zettel, auf dem steht: "Ich bin Ivo, ich bin 12 Jahre alt. Im Sinn § 74 StGB ist unmündig. Darf nicht strafen." Fellner und Eisner ermitteln infolgedessen in einem Ghetto-Milieu, in dem man Wien fast gar nicht erkennt. Es ist ein Milieu der brutalen Zuhälter und der illegalen Zwangsprostituierten, die - unter anderem - unter massivem Preisdumping leiden. "30 Euro für alles" - das ist nur ein Spruch in diesem "Tatort", der Bibi Fellner veritabel auf die Palme bringt. Erfunden ist das aber keineswegs - es ist sogar ein brisantes Thema. In Wien kommen auf 6000 Prostituierte, von denen 1500 legal sind, gerade einmal sechs Polizeibeamte. Diese Tatsache ist eine bittere, wahre Pointe am Ende dieses "Tatorts", in dem Bibi Fellner von ihrer Vergangenheit bei der "Sitte" eingeholt wird. Denn sie kannte jene Kellnerin, die dem Burschen zum Opfer fällt: Sie hatte ihr einmal versprochen, sie zu beschützen.

Regie führte bei diesem "Tatort" Sabine Derflinger, die sich mit dem Thema Prostitution nicht zum ersten Mal auseinandersetzt. 2010 zeigte sie im Spielfilm "Tag und Nacht", wie sich zwei Studentinnen ihr Leben durch Escort-Service finanzieren. Sie hat auch für diesen "Tatort" direkt im Milieu, also in Laufhäusern am Gürtel, recherchiert.

Über Bibi Fellner erfährt man in dieser Folge einiges. Unter anderem, dass sie einen ziemlich effektvollen rechten Haken hat. Und dass sie Am Modenapark wohnt. Aber vor allem sieht man die so unbeugsame wie zerbrechliche Kommissarin wiederholt bei der Psychotherapie. Dort zeigt sich, wo - natürlich in ihrer Kindheit - der Grundstein gelegt wurde für ihren Drang zum Verteidigen und Beschützen. Das ist ein bisschen aufgesetzt, und Traumszenen, in denen Fellner auf ihre tote Mutter trifft, machen es auch nicht besser. Aber Adele Neuhauser nimmt man sogar diese Drehbuch-Kuriositäten ab. "Die Thematik geht einem ziemlich an die Nieren. Und das ist auch gut so, die Geschichte muss auch an die Nieren gehen", sagt Adele Neuhauser selbst über den neuen "Tatort".

Und spannend ist er auch. Was wiederum viele, die dem beliebten Hobby "Zum-Tatort-Twittern" nachgehen, entgehen könnte. Deswegen ist übrigens Harald Krassnitzer kein großer Fan vom Twittern, hat er kürzlich in einem "Kurier"-Interview gesagt: "Das Absurde daran ist, dass man, während man über den Fall diskutiert, manchmal gar nicht mitbekommt, was gerade passiert. Ich weiß nicht, ob das so die absolute Zukunft des Fernsehens sein wird."