Neinsager: Hinter diesem Logo verbirgt sich Jarosinskis Twitter-Alter-Ego. - © NeinQuarterly
Neinsager: Hinter diesem Logo verbirgt sich Jarosinskis Twitter-Alter-Ego. - © NeinQuarterly

New York. Der Ort der bösen Tat hatte sich dank Zeit und Laune und beschränktem Trinkbudget zufällig ergeben, aber er schien - im Sinne der Art von Nachhinein, in dem man immer gescheiter ist - passend für eine Unterhaltung mit einem, der für seine Arbeit nicht mehr braucht als sein Hirn und ein Smartphone, dessen äußerer linker Rand jene fünf Balken anzeigt, die die Welt bedeuten. Das Mietshaus in East Harlem, auf dessen Dach sich Eric Jarosinski über Gott, Twitter, Adorno, Deutschland, Walter Benjamin, Österreich, Paul Ryan, Eliteunis, die USA und alles andere wichtige auslässt, wurde laut Grundbuch 1927 erbaut und riecht auch so.

Die ersten drei, vier Dekaden des vergangenen Jahrhunderts bilden das Spezialgebiet des Literaturwissenschafters. "Ich bin der Weimarer Republik verfallen und dem, was leider unmittelbar danach kam." Was eine intensive Auseinandersetzung mit Deutschland (und der deutschsprachigen Welt, Sackzement) hier und heute nicht ausschließt. Auch wenn manche von Jarosinskis Fans das in der Regel nicht so ganz kapieren. Vor allem das mit der Liebe und allem. "Da kommt es manchmal zu Missverständnissen. In den Fragen, die mir von den Leuten gestellt werden, kommt das immer so auf die Art rüber: ,Wieso liebst du Deutschland? Tu ich nicht. Was ich liebe, sind die Werke von Bertolt Brecht. Und die Frankfurter Schule. Aber man darf auch nicht ungerecht sein. Jeder findet etwas anderes in meiner Arbeit, das ihn oder sie anspricht."

So sieht Netzstar Eric Jarosinski im echten Leben aus. - © Vera Tammen
So sieht Netzstar Eric Jarosinski im echten Leben aus. - © Vera Tammen

Seit zwei Jahren besteht die Arbeit des Eric Jarosinski neben der Forscher- und Unterrichterei an renommierten deutschen und US-Universitäten (zuletzt wirkte der 42-Jährige als Assistenzprofessor für Deutsche Literatur an der University of Pennsylvania) im Verfassen von Bonmots, Sinnsprüchen, Befindlichkeits-Updates, Eigen- und Fremdwerbung im Umfang von maximal 140 Zeichen. Die unter dem Alter Ego "Nein. Quarterly" (https://twitter.com/NeinQuarterly) verfassten Texte sind in der Regel derart lustig und klug, dass sie Jarosinski eine mittlerweile rund 39.000 Menschen umfassende Gemeinde von Twitter-Followern beschert haben. Die Bandbreite reicht vom wohlstandsverwahrlosten Hipster aus Brooklyn über die akademische und publizistische Elite der Bundesrepublik bis zum... Präsidenten von Estland. Schmäh ohne. "Manchmal denk ich mir schon, dass die Aufmerksamkeit ein bisschen viel ist. Aber auf der anderen Seite freue ich mich natürlich. Ist ja nicht so, dass das alles nur Spaß ist. Auch wenn’s für die meisten wahrscheinlich so aussieht. Ich gebe in meinem Tweets extrem viel von mir her. ,Nein. Quarterly‘ ist für mich Blut, Schweiß und Tränen."

Immer angefressen, wütend auf alles


Beispiele aus dem mindestens vierteltäglich aktualisierten Oeuvre seien dem Leser hier bewusst erspart - wer sich nicht die Mühe macht, die auf "Nein. Quarterly" versammelten genialen Wahnsinnigkeiten selbst abzuchecken, hat sie schlicht nicht verdient. Und nicht, dass sein in Form wie Funktion zum heute einzig zeitgemäßen Chefideologen des Alltags aufgestiegener Erfinder als solcher nicht interessant genug wäre: Eric Jarosinski, geboren und aufgewachsen in Park Falls im Norden Wisconsins. 2500 Einwohner, viel Wald und Wasser und eine Papierfabrik "mit einem unglaublichem Ausstoß an umweltschädigendem Zeug. Ein ziemlich bizarrer Ort". Die Einwohnerschaft ist mehrheitlich deutschstämmig und pflegt ihre Wurzeln, dem jungen Jarosinski verleidet das zunächst die deutschsprachige Kultur und alles, was damit zusammenhängt. Nicht zuletzt, weil ihn die Klassenkameraden spüren lassen, dass er, der "Pollacke", nicht dazugehört.

Jarosinskis Familie wanderte Ende des 19. Jahrhunderts von Polen nach Amerika aus. Seine Eltern arbeiten als Lehrer an einer katholischen Privatschule. "Ich habe eine große Familie, fünf Brüder. Dementsprechend hatten wir nie wirklich Geld und wir haben sie regelmäßig gedrängt, doch an einer öffentlichen Schule zu unterrichten, weil sie dort viel besser verdient hätten. Aber keine Chance." Den jungen Jarosinski beschreibt der mittelalterliche als "extrem wütend. Ich war die ganze Zeit angefressen, auf alles." Die Wende in seiner Denke trat in Form eines seiner High-School-Lehrer in Erscheinung, der ihm klar machte, dass er es nie aus Park Falls, Wisconsin mit seinen zwei Ampeln rausschaffen würde, wenn er seine offensichtliche Intelligenz weiter mehr aufs Scheiße-Bauen als auf eine Ausbildung verwenden würde; und dann war da noch das Mädchen, das gerade von einem Schüleraustauschjahr im alten Westdeutschland zurückgekommen war und das ihm diese offenbar recht seltsame Welt auf der anderen Seite des Atlantiks schmackhaft machte.

Jarosinski ging Deutsch studieren in Madison ("Das Berkeley des Mittleren Westens"), auf den Doktortitel folgte die akademische Karriere, die jetzt erstmal zugunsten der Twitterei ruht (und eines bald online gehenden "Nein.Quarterly"-Blogs, für den er fleißig Spenden sammelt).