Der Umgang mit Technologie wird zum Kampf gegen die Datenflut. - © fotolia
Der Umgang mit Technologie wird zum Kampf gegen die Datenflut. - © fotolia

Das Internet ist da. Es geht nicht mehr weg. Es ist nicht wie eine Grippe, die man kurieren müsste. Soweit herrscht generelle Einigkeit. Doch der Weg in eine digitale Zukunft ist ein langer. Die ersten Schritte sind gerade erst gemacht. Zwischen den stetig wachsenden Datenmengen, der Unübersichtlichkeit der Informationen muss der Faktor Mensch, das digitale Menschsein, durch eine neue Form der Selbstbestimmung und alternative Strategien erst festgelegt werden.

Aktuell lassen sich zwei große Strömungen im wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema Mensch und Internet ausmachen: Auf der einen Seite ist "das Internet" eine Fülle an Möglichkeiten und Chancen. Ein unendlicher Raum an Wissen und Freiheit, den es zu erobern, zu gestalten und auch zu kapitalisieren gilt. Ein "Arabischer Frühling" ohne Twitter? Undenkbar. Wissenserwerb ohne den Segen moderner Endgeräte? Unmöglich. Das Schlagwort "Big Data", für den enormen Datenschatz, der in den digitalen Welten zu finden ist, sei hier exemplarisch genannt.

Auf der anderen Seite stehen die Kritiker, die in der Vernetzung und der Digitalisierung der Welt allerlei Übel für die Menschheit sehen. Das Internet macht uns dumm. Als umfassende Allgemeinbildung wird schon gesehen, wenn man mehr als drei soziale Netzwerke kennt und diese auch nutzt. Von "digitaler Demenz" ist die Rede. Nur weil man etwas bei Google eingeben kann, und dies auch noch fehlerhaft, bedeutet dies noch nicht, dass man Wissen erworben hat oder gar etwas weiß. Schon gar nicht die alleinige, allgemeingültige Wahrheit.

Digitale Kluft


Aus vielen Bereichen des täglichen Lebens ist das Internet nicht mehr wegzudenken. Während die Zukunftsgläubigen auf intelligente Brillen hoffen, die - stets verbunden mit dem Internet - die digitale Welt in den Alltag holen, haben viele Menschen auf der Erde immer noch keinen Zugang zu schnellem Internet. Die digitale Kluft zwischen Alt und Jung muss ebenso erst überbrückt werden. Für viele Menschen gingen die Entwicklungen der digitalen Zeit zu schnell, zu unpersönlich, zu unmenschlich vonstatten. Verloren in den Weiten des Internets warten sie auf ein bisschen mehr Menschlichkeit. Mehr Privatsphäre ohne weniger digitale Öffentlichkeit. Facebook wird nicht als Vernetzungstool gesehen, sondern als nervende Werbeplattform. In seinem neuen Buch "Smarte neue Welt" geht Evgeny Morozov der digitalen Technik und der Freiheit des Menschen auf den Grund. Morozov übt scharfe Kritik am Silicon Valley und seinen Vorzeigefirmen. Diese würden nicht nur immer mehr Geld, sondern auch immer mehr Macht und Kontrolle anhäufen, dabei aber auf Grundregeln des menschlichen Kodex für Gesellschaften und Gemeinschaften "vergessen". Dem allwissenden Algorithmus und dem perfekten Werbeumfeld würden Datenschutz und Transparenz geopfert. Die Freiheit des Internets werde von den Onlinekonzernen stets als oberstes Kriterium genannt, aber diene doch nur als Deckmantel für Kommerz und Kontrolle, so Morozov.

Nur ein kleiner Ausschnitt


Der Autor kritisiert auch, dass die Internetfilter immer nur einen kleinen Blick auf die (digitale) Welt zulassen würden. Welche Trends und Themen im Internet oder auf sozialen Netzwerken Relevanz haben, entspräche dabei bei Weitem nicht der Realität. "Ob etwas bei Twitter zu einem Trend wird oder nicht, ist aus einem simplen Grund wichtig: Hat eine Geschichte diesen heiß begehrten Status erreicht, erregt sie noch mehr Aufmerksamkeit und hält weit über Twitter hinaus Einzug in die nationale und internationale Kommunikation", so Morozov. Der noch einen Schritt weitergeht: "In diesem Sinne ist auch Twitter eine Maschine und keine Kamera; die Realität wird nicht nur widergespiegelt, sondern auch aktiv erschaffen."

Heftige Kritik gibt es auch am sogenannten "Internetzentrismus", also jener Vorstellung, dass die neuen Filter, die Google und Co. einsetzen, um uns ein Bild der Welt zu geben, alleine deshalb wären, weil sie "dem Internet" entspringen; dass sie frei von den Meinungen ihrer Schöpfer und vollkommen immun gegen den Machtkontext wären, in welchem sie entworfen und genutzt werden. "Die nahezu universelle Begeisterung für "das Internet", Mobiltelefone und Wikipedia verschließt uns die Augen davor, dass viele der zugrunde liegenden Phänomene alles andere als neu sind", attestiert Morozov. "Wir sollten uns ob der vorgetäuschten Neuheit dieser Phänomene nicht dazu verleiten lassen, einfach abzuwarten, wie sie sich auswirken: Wir haben bereits lange genug gewartet - und das Bild, das sich abzeichnet, ist alles andere als schön." Oder wie bereits Bernard Crick schrieb: "Von altbekannten Wahrheiten gelangweilt zu sein, ist der große Feind des freien Menschen." Morozov bietet zwar keine Rezepte und Sofortlösungen. Er will eher zum Nachdenken anregen. Und so schließt er mit: "Die Technik ist nicht unser Feind; unser Feind ist der romantische und revolutionäre Problemlöser, der ihr innewohnt."