Wien. Man muss schon tief in der Geschichte des Fernsehens graben, um an die Wurzeln der "Lindenstraße" zu gelangen. Nämlich nicht nur bis zum 8. Dezember 1985 um 18.40 Uhr, als die wöchentliche Endlos-Soap erstmals gesendet wurde, nein, man muss noch einmal 20 Jahre weitergehen, genau bis zum 9. Dezember 1960. Denn an jenem Tag strahlte der englische Sender ITV erstmals "Coronation Street" aus, die britische Version dieses "Dallas für Arme", wie es ein spöttischer Kritiker einmal nannte.

Warum der "Erfinder" der Lindenstraße, der renommierte Regisseur Hans W. Geißendörfer, und der produzierende Sender WDR zwei Jahrzehnte brauchten, um die Idee in England abzukupfern, ist ihr Geheimnis, aber beide Sendereihen sind unbestritten und nach wie vor grandiose Erfolge - im deutschsprachigen Raum und in England. Dass "Coronation Street" inzwischen alle Weltrekorde im Serien-TV-Bereich hält, ist selbstverständlich.

Eine von vielen Kopien


Aber damit das deutsche Fernsehen sich nicht allzu sehr schämen muss, dass es alle guten Fernseh-Ideen (wie "Deutschland sucht den Superstar", "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" oder Harald Schmidts Talkshow) im Ausland klauen müssen, kann es sich damit trösten, dass es schon in den 50er Jahren im deutschen Fernsehen eine erste Familienserie gab, die bereits erstaunlich viele Eckpfeiler der späteren "Lindenstraße" besaß.

Sie hieß "Unsere Nachbarn heute Abend - die Schölermanns", in der dem Fernsehzuschauer (allzu viele waren es damals allerdings noch nicht) vorgegaukelt wurde, es handele sich um eine richtige Familie, in der die Kamera live Mäuschen spielt. Das gelang so gut, dass Vater Schölermann, als er arbeitslos wurde, waschkörbeweise Jobs angeboten bekam.

Bei der "Lindenstraße" war von vornherein klar, dass es sich nicht um ein Stück "Reality-TV" handeln würde, dass es keine "Lindenstraße" in München gibt, kein "Café Bayer", keinen Griechen und auch keine Klingel, an der "Beimer" steht. Und dass die Geschichten, die den Bewohnern passieren, allesamt erfunden wurden, um den Menschen ein Stück Alltagsleben vorzuführen. Dabei wurde durchaus auch manch ein Tabu gebrochen, wie beispielsweise ein erster gleichgeschlechtlicher Kuss im Deutschen Fernsehen (woraufhin sich Bayern natürlich ausblendete). Aber es wurden auch heiße Themen wie Ausländerhass oder Behindertenbenachteiligung angefasst. Dass dies fast immer aus einer politisch eher im linken Spektrum angesiedelten Sicht geschieht, hat den Produzenten schon öfter Ärger bereitet - vor allem vor Wahlen. Am Sonntag läuft die Jubiläumsfolge, Nummer 1459 mit einem Gastauftritt des Komikers und TV-Legende Didi Hallervorden.

Die "Lindenstraße" wurde Kult und einige ihrer Bewohner wurden zu Stars - die meisten in der Lindenstraße wie Marie-Luise Marjan, Annemarie Wendl, Knut Hinz oder Andrea Spatzek, andere außerhalb wie Til Schweiger und Georg Uecker. Eines steht fest: Die "Lindenstraße" hat sich trotz aller Versuche anderer Sender, sie zu kopieren ("Marienhof", "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und andere) einen festen Platz im Herzen der Fernsehzuschauer erobert. Das liegt sicher auch daran, dass sich alle anderen fast ausschließlich auf junge Zuschauer konzentrieren, in der "Lindenstraße" aber alle Altersschichten ihren Platz haben. So gesehen kann man ihr nur wünschen, dass sie so lange lebt wie ihr englisches Vorbild.