"Für die Menschen hier sind wir seltsam": Arzt Marten bei der Arbeit. - © ServusTV
"Für die Menschen hier sind wir seltsam": Arzt Marten bei der Arbeit. - © ServusTV

"Es ist ein wenig paradox, denn es tut gut, etwas für jemand anderen zu tun, aber selber hat man auch eine Freude", beschreibt Ricardo seine momentane Gefühlslage. Er ist Architekt, 53 Jahre alt, kürzlich geschieden und gerade dabei, seine Koffer zu packen. Für die nächsten neun Monate ist er im Auftrag von "Ärzte ohne Grenzen" (Médecins Sans Frontières, kurz MSF) im Kenia unterwegs und dort für den Ausbau neuer Krankenhäuser verantwortlich. Denn anders als es der Name vielleicht suggeriert, sind bei der Hilfsorganisation nicht nur Ärzte in Krisengebieten unterwegs. Auch andere Talente sind gefragt.

Hinter die Kulissen


Das zeigt die neue Dokumentationsreihe "Ärzte ohne Grenzen - dem Leben verschrieben" (ab Mo., 20.15 Uhr), die in acht Teilen auf ServusTV ausgestrahlt wird. Sie berichtet über das Leben und die Arbeit als Helfer in einem Krisengebiet.

Über Monate hinweg begleitete ein Kamerateam die junge Internistin Katharina aus Mainz, die ihren Verlobten und ihre Heimat für Monate verließ, um im Kongo die Bevölkerung über die tückische "Schlafkrankheit" zu informieren. Auch die Arbeit des 34-jährigen Arzt Marten wird gezeigt. Er ist bei seinem zweiten Einsatz im Sudan stationiert und kämpft mit einem großen Anstieg an Hepatitis E-Infektionen.

Interessant ist auch das Porträt des 34-jährigen Zivil- und Wassertechnikers Erik, der ebenfalls im Sudan für MSF tätig ist. Auf die Spitze getrieben, so meint er, könnte man sein Jobprofil so formulieren: "Mein Job hier ist es, dafür zu sorgen, dass die Leute keine Scheiße essen." Konkreter heißt das: Er ist für die Wasseraufbereitung in einem 45.000 Flüchtlinge fassenden Camp zuständig und dafür verantwortlich, dass jede Woche rund 2,5 Millionen Liter Wasser gefördert, gesäubert und verteilt werden.

Schon seit über 40 Jahren leistet Ärzte ohne Grenzen Nothilfe in Ländern, in denen die Gesundheitsstrukturen zusammengebrochen sind oder Bevölkerungsgruppen unzureichend versorgt werden. Gegründet wurde die Organisation im Jahr 1971 von einer Gruppe junger Ärzte, die völlig frustriert von ihren Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg in Biafra und dem von einer Flutkatastrophe betroffenen Bangladesch heimkehrten und sich entschlossen zu handeln. Ihre Vision bestand darin, erstmals eine Organisation zu schaffen, die sich auf medizinische Nothilfe spezialisiert und auf der ganzen Welt im Einsatz ist. Die wichtigsten Kriterien von damals, Kompetenz, Unabhängigkeit und Schnelligkeiten, haben auch heute noch Gültigkeit. Seit ihrem Bestehen hat die Organisation unzählbaren Menschen auf der ganzen Welt das Leben gerettet. 1999 wurde ihr deshalb sogar der Friedensnobelpreis verliehen.

Die von den Terra Mater Factual Studios produzierte Doku-Reihe wirft nun erstmals einen Blick hinter die Kulissen der Hilfsorganisation und legt dabei nicht den Fokus auf die Hilflosigkeit der betroffenen Flüchtlinge, sondern auf jene Menschen, die in ein fremdes Land gekommen sind und ihr eigenes Leben dem Leben anderer verschrieben haben.

Dabei gibt es aber keine klischeehaften Bilder, untermalt mit theatralischer Musik, die zeigen, wie eine weinende Mutter dem Arzt, der gerade ihrer Tochter das Leben gerettet hat, um den Hals fällt. Ganz im Gegenteil: "Ich glaube für die Menschen hier sind wir sehr seltsame Personen", erklärt Marten die Zurückhaltung seiner Patienten. Mit ihren Mobiltelefonen, den großen Autos und dem guten Schuhwerk müssen die Mitarbeiter in den weißen T-Shirts die misstrauische Bevölkerung nämlich oft erst davon überzeugen, die angebotene Hilfe auch anzunehmen. In der Doku-Reihe geschieht all das aber erfrischend ehrlich, ohne viel Pathos und ohne Heldengeschichten.