Haben nicht mit Hass gerechnet: Protagonisten der Serie "Benefits Street". - © Channel 4
Haben nicht mit Hass gerechnet: Protagonisten der Serie "Benefits Street". - © Channel 4

Empörte Zuschauer sprechen von "übler Dämonisierung". Für viele ist das Programm lüsterner Armuts-Voyeurismus - "Poverty Porn". Die in ihm Dargestellten, deren Alltag Millionen Briten als bunte Unterhaltung nach dem Abendessen geboten wird, fühlen sich von den Filmteams, denen sie vertraut haben, glatt betrogen. Die Filmemacher aber wollen einfach nur "fair beobachtet" haben.

Der Streit dreht sich um eine Doku-Serie, die zurzeit im britischen Fernsehsender Channel 4 läuft und "Benefits Street" heißt. Die Straße, um die es geht, ist eine Straße voller Sozialleistungs-Empfänger in Birmingham. Neun von zehn Bewohnern leben hier angeblich von staatlicher Hilfe. Droben am Ende der Straße grüßt das örtliche Gefängnis, mit dem schon einige Anwohner Bekanntschaft gemacht haben. Ein Blick auf einen Mikrokosmos am unteren Ende der britischen Gesellschaft soll das Ganze also sein.

Fünf Folgen lang trifft man auf einige der auffälligsten Bewohner dieses Kosmos. Auf Leute, die an ihren Haustüren herumlungern oder ein Leben auf dem Sofa verbringen. Auf Iren und Polen, Jamaikaner und englische "Loser". Alleinstehende Mütter werden vorgeführt, die ihre Kinder nicht "im Zaum" halten können. Sprachlose Immigranten, Drogenabhängige, Großfamilien, kleine Ladendiebe. Afrikaner, die angeblich Geld für einen Trauschein bezahlt haben.

James Turner Street heißt "Benefits Street" im wirklichen Leben. Bis vor kurzem noch hätte die Nation vor etwas so Unappetitlichem wie dieser Straße lieber die Augen verschlossen. Jetzt kennt sie praktisch jeder auf der Insel - dank Channel 4. Über vier Millionen Zuschauer haben letzte Woche bei der ersten Folge eingeschaltet. Mehr noch sollen es diesen Montag, als es um rumänische Zuwanderer ging, gewesen sein.

Nicht dass die Rumänen sich bei näherem Hinsehen als die arbeitsscheuen Migranten erwiesen, als die britische Boulevardzeitungen sie gern ausgeben. Sie waren die willigsten Arbeiter überhaupt - und die am übelsten ausgebeuteten dazu. Doch selbst von ihren alteingesessenen Nachbarn durften diese Migranten sich nichts anderes erwarten als abfällige Bemerkungen und wilde Gerüchte. Am Ende bleiben beim Zuschauer die Bilder von vierzehn Männern haften, die sich in qualvoller Enge ein paar Zimmer teilen. Und die später in einem Park notdürftig ihr Nachtquartier beziehen. Der Alptraum der "guten Gesellschaft" in England allemal.