• vom 04.02.2014, 16:21 Uhr

Medien

Update: 04.02.2014, 17:44 Uhr

Zeitgeschichte

Trügerisches Tauwetter




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Von Edwin Baumgartner

  • Vor 50 Jahren veröffentlichte die "Prawda" die Verbrechen Josef Stalins.
  • Die Entstalinisierung als ein politischer Trick Chruschtschows, seine Macht zu erhalten.

Die gestürzte Stalin-Statue war schon 1956 ein Symbol der Freiheit, etwa in Ungarn (auf unserem Bild): Damals ging das noch zu weit, der Aufstand wurde niedergeschlagen. 1961 verschwanden die Stalin-Denkmäler dann ganz offiziell.

Die gestürzte Stalin-Statue war schon 1956 ein Symbol der Freiheit, etwa in Ungarn (auf unserem Bild): Damals ging das noch zu weit, der Aufstand wurde niedergeschlagen. 1961 verschwanden die Stalin-Denkmäler dann ganz offiziell.© ap Die gestürzte Stalin-Statue war schon 1956 ein Symbol der Freiheit, etwa in Ungarn (auf unserem Bild): Damals ging das noch zu weit, der Aufstand wurde niedergeschlagen. 1961 verschwanden die Stalin-Denkmäler dann ganz offiziell.© ap

Am 7. Februar 1964 macht die Zeitung zum ersten Mal seit langer Zeit ihrem Namen wieder Ehre. "Prawda" nämlich bedeutet "Wahrheit". An jenem Tag enthüllt die meistgelesene Zeitung der Sowjetunion die Verbrechen Josef Stalins.


Gewusst hat man es in der Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt längst. Inoffiziell sowieso - aber auch offiziell. Am 5. März 1953 war Josef Stalin gestorben. In den parteiinternen Machtkämpfen hatte sich erst eine kollektive Führung behauptet, dann hatte sich Innenminister Lawrentij Berija durchgesetzt, doch der clevere Nikita Chruschtschow hatte ihn verhaften und in einem Geheimprozess wegen Spionage zum Tod verurteilen lassen. Nach und nach hatte sich dieser wendige und kluge Machtpolitiker Chruschtschow durchgesetzt, war zum Ersten Parteisekretär (und damit Chef) der KPdSU aufgestiegen. Und dann hatte er die Rede gehalten - die Rede.

Dabei war es eine Geheimrede gewesen, in der Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU am 25. Februar 1956 die Verbrechen des Stalinismus ansprach und die Entstalinisierung einleitete. "Tauwetter" nennt man den Vorgang nach dem Titel des gerade einmal zwei Jahre alten Romans, in dem der Schriftsteller Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg das freiere Atmen nach Stalins Tod beschrieben hatte.

Clevere Rhetorik
Chruschtschows Rhetorik in jener Rede war verblüffend und vielsagend: Die Macht der Partei basiere nicht auf einer Person, sondern auf dem "unverbrüchlichen Bund mit den Massen". Damit kritisierte er den Personenkult, der um Stalin veranstaltet worden war - und den Stalin auch bewusst selbst inszeniert hatte. Außerdem forderte Chruschtschow die Wiederbesinnung auf die Lehren Lenins und die damit verbundene Rückkehr zum Prinzip der kollektiven Führung: Sie sei "das führende Prinzip der Leitung der Partei". Dass er selbst davon nichts spüren ließ, versteht sich bei einem Führer der Sowjetunion von selbst. Aufteilung der Macht findet in diesem Land nur auf dem Papier statt - es scheint dies eine russische Tradition zu sein, aus der sich auch die Gegenwart nicht lösen will.

Doch es ist auch bezeichnend, was Chruschtschow in dieser Rede ausließ: Stalins Terror gegen das eigene Volk und die politischen "Säuberungen" fanden keine Erwähnung. Noch ging es um die Person Stalin, nicht um das stalinistische System.

Dennoch war Chruschtschows Vorstoß mutig gewesen: Immerhin hatte Stalin den Zweiten Weltkrieg nicht nur gewonnen. Er hatte ihn darüber hinaus zum "Großen Vaterländischen Krieg" stilisiert, zur nationalen Kraftanstrengung, die jeder Russe auf sich zu nehmen hatte, entweder im Kampf an der Front oder im Hinterland das Alltagsleben aufrechthaltend. Stalin hatte es geschafft, im Feuer der Kanonen die Nation zur Einheit zu schmieden. Er selbst - der größte Held des Krieges. Darin wurzelt der Personenkult. Ihm diesen nun nach dem Tod abzuerkennen, nähert sich einer Relativierung der sowjetischen Kriegsanstrengung. Chruschtschow trifft wahrlich nicht nur auf Befürworter seines Kurses.

Doch ist diese Entstalinisierung wirklich mehr als ein genialer politischer Trick? Das Land ist schließlich gelähmt vom Stalinismus, der nicht nur Terror, sondern auch Stagnation in Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet. Eine Aufbruchsstimmung muss her. "Tauwetter" - damit verbindet der Russe den Klang, wenn das Eis in der Frühlingssonne bricht. Mit Optimismus lebt es sich auch in einem repressiven Regime besser.

Gewiss: Politische Gefangene werden entlassen (aber nicht alle), Straflager aufgelöst (aber auch nicht alle). Die Agrarproduktion wird gesteigert. Es sieht besser aus im Land.

Kein Tauwetter für Künstler
Doch die Verklärung der Entstalinisierung, wie sie im Westen bis heute vielfach betrieben wird, ist unangebracht. Nach wie vor ist von Demokratie keine Rede, nach wie vor verschwinden Regimegegner und werden nie wieder gesehen. Nach wie vor kommt es zu Repressalien gegen Künstler. So betreibt Chruschtschow eine so grausame wie groteske Hetze gegen den Dichter und Schriftsteller Boris Pasternak und nötigt ihn, den ihm 1958 zuerkannten der Nobelpreis für Literatur abzulehnen. Wie Pasternak in "Doktor Schiwago" die Zeit nach der Oktoberrevolution von 1917 darstellt, darf in der Sowjetunion nicht erscheinen.

Als Chruschtschows Initiativen an vorgeblicher Freiheit in der sowjetischen Wirklichkeit erlahmen (und die Sowjetbürger erkennen, wie sich Rhetorik und Realität zueinander verhalten) und der Parteichef ersten Gegenwind in den eigenen Reihen ortet, greift er auf die Entstalinisierung, die ja schon einmal so wirkungsvoll war, zurück und setzt eine zweite Welle in Bewegung: Auf dem XXII. Parteitag vom 17. bis 31. Oktober 1961 in Moskau wird ein neues Parteiprogramm und ein neues Parteistatut verabschiedet. Die Liberalisierung im Umgang mit Schriftstellern wird eingeleitet ("Doktor Schiwago" bleibt verboten, der Roman darf offiziell erst 1988 in der Sowjetunion gelesen werden). Und auf die entstalinisierende Rhetorik erfolgt eine entstalinisierende Zeichensetzung: Am 31. Oktober wird Stalins Leichnam aus dem Lenin-Mausoleum entfernt und an weniger ehrenvoller Stelle an der Kreml-Mauer begraben, Stalin-Denkmäler werden entfernt, Stalins Name von Straßen Plätzen und Städten getilgt. Die Stadt Stalingrad wird wieder einmal umbenannt: 1925 durfte sie nicht mehr "Zarizyn" ("Zarenstadt") heißen, jetzt darf sie nicht mehr "Stalinstadt" genannt werden. Heute wechselt sie ihren Namen sogar zwölf Mal im Jahr: An sechs Gedenktagen heißt sie wieder Stalingrad, um am nächsten Tag wieder Wolgograd zu heißen. (Dass sich Autoren dieses Thema entgehen lassen, zeigt, dass die russische Satire auch nicht mehr das ist, was sie in den Tagen Michail Saltykow-Schtschedrins einmal war.)

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-02-04 16:26:05
Letzte Änderung am 2014-02-04 17:44:55


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