Offiziell sprach die Dollfuß-Regierung zwar nie von Zensur - trotzdem herrschten bald Zustände wie zu Metternichs Zeiten. Dass über die Februar-Ereignisse kein Blatt kritisch schrieb, liegt daran, dass schon vorher die Pressefreiheit Schritt für Schritt eingeschränkt worden war. Linientreue Zeitungen wie die christlichsoziale "Reichspost" berichteten ohnehin im Sinne der Machthaber. Aber auch die "Neue Freie Presse" agierte ähnlich; das Blatt befand sich damals bereits auf dem Weg, zu 100 Prozent von der Regierung übernommen zu werden.

Die Situation in der "Wiener Zeitung" als offiziellem Staatsblatt war eine besondere: Im Frühjahr 1933 wurde der damalige Chefredakteur Rudolf Holzer zu Bundeskanzler Dollfuß zitiert. Holzer, ein humanistisch gesinnter Bürgerlicher mit Schwerpunkt auf Bildung und Kultur, kam als Chef eines politischen Kampforgans, das die "Wiener Zeitung" werden sollte, nicht mehr in Frage. Er musste seinen Posten räumen. Die redaktionelle Leitung übernahm nun Ferdinand Reiter.

Dollfuß wünschte eine "Ausgestaltung" der "Wiener Zeitung" zum Propaganda-Organ. Der Umfang wurde vergrößert, die kleine Redaktion aufgestockt. Es liegt auf der Hand, dass man regimetreue Leute heranzog. Aber auch Altgediente blieben. Holzer durfte weiter auf Basis freier Mitarbeit im Feuilletonteil schreiben.

Schüler des "alten Uhl"

Der Ton, der ab nun herrschte, war ein völlig anderer als unter Holzer, der noch beim alten Friedrich Uhl, Chefredakteur von 1872 bis 1900, gelernt hatte. Der große Zeitungsmann Uhl hatte auf einen sachlichen, diplomatischen Stil gepocht, wie er der damals kaiserlichen "Wiener Zeitung" würdig war. Das sorgsame Abwägen jedes Wortes sowie sprachliche Brillanz, die auch Holzer am Herzen lagen, waren nun nicht mehr gefragt. Die propagandistischen Texte, wie damals generell üblich nicht namentlich gezeichnet, kamen teilweise direkt von der Regierung. Laut Reiter schrieb in der Regel zwar die Redaktion die Leitartikel, doch: "Bei wichtigen Anlässen erschienen Aufsätze von Ministern oder ,von berufener Seite‘, die entweder vom Regierungschef selbst oder von maßgeblichen Männern des Regimes verfasst worden waren." Auch Rundfunk-Reden von Regierungsmitgliedern, ein völlig neues Instrument der Politik, standen im Februar 1934 Wort für Wort in der "Wiener Zeitung".

Doch mitunter lassen sich, wenn man will, in unserem Blatt auch versöhnlichere Töne vernehmen. Zum Beispiel am 20. Februar im Kulturteil. Von dem im Raimundtheater gezeigten Stück des irischen Dramatikers Sean O’Casey über das Elend einer Dubliner Proletarierfamilie heißt es: "Diese Menschen leben, um zu kämpfen, und kämpfen, um zu leben." Autor: "R. H." - Rudolf Holzer.

Leserinnen und Leser der "Wiener Zeitung" mussten in dieser Ära schon ein besonderes Gespür dafür entwickeln, zwischen den Zeilen zu lesen.