Normalerweise ist es keine Schande, wenn man den Namen nicht kennt, den Richard Lugner als seinen Opernballgast verkündet. Dieses Jahr ist es erst recht keine. Kim Kardashian, wer soll das sein? Eine neue Freundin von Roman Abramowitsch? Eine albanische Protestlyrikerin? Eine kasachische Gewichtheberin? Nichts dergleichen. Die Dame zieht ihren Bekanntheitsgrad ursächlich aus einer US-Reality-Show, "Keeping up with the Kardashians", in der sie und ihre Schwestern Khloé und Kourtney - man sieht, es gilt die Entenhausener Regel der zwingenden Vornamen-Nachnamen-Alliteration - bei ihrem "Alltag" von Kameras begleitet werden. Die Sendung hat es nicht in einen regulären Vertrieb hierzulande geschafft. Es ist also argumentierbar, Kim Kardashian nicht zu kennen.

Und doch hat sie es zu einem auf den ersten Blick irritierenden Bekanntheitsgrad gebracht, zumindest unter Rezipienten der Stars-und-Sternchen-Bulletins. Das liegt unter anderem an ihrem gekonnt-indiskreten Einsatz von Sozialen Medien wie Twitter und natürlich auch an ihrer Verlobung mit einem bekannten Popstar. Und doch ist Kim Kardashian ein Symbol dafür, dass Reality TV, dem so viele schon so früh einen qualvollen, aber doch schnellen Tod gewünscht haben, noch immer lebendig genug ist, um Karrieren zu stiften.

Originäre Errungenschaft


Auch schon wieder 22 Jahre ist es her, dass der damals noch mit Fug und Recht Music Television heißende Sender MTV ein paar junge Leute, "echte" Menschen, keine Schauspieler, in eine WG einziehen ließ. Diese dabei filmte, was sie so machten und sagten, und das "The Real World" nannte. Damit hatte MTV nicht nur sein eigenes Schicksal besiegelt - der Musikvideoabspielsender wurde in weiterer Folge zum fast ausschließlichen Schauplatz immer groteskerer Reality-Formate (in "I want a famous face" ließen sich etwa Jugendliche nach ihren Popstarvorbildern chirurgisch umbauen). Aber "The Real World" hat auch einen der größten und langlebigsten Trends im Fernsehen ausgelöst. Und auch einen der umstrittensten.

Dabei ist dem Genre zumindest anzurechnen, dass es sich um eine der wenigen originären Errungenschaften des Fernsehens handelt. Weder Film noch Theater haben sich so filterlos auf diese Ebene herabgelassen - die Ebene, die Harald Schmidt einst so treffend "Unterschichtenfernsehen" genannt hat. Tatsächlich trugen die frühen Reality-Formate ein flimmerndes Demokratisierungs-Banner vor sich herum. Jeder sollte ein Star sein können - und wenn er sich dafür im "Big Brother"-Container vor laufenden Kameras duschen muss. Da passt es wunderbar, dass ausgerechnet ein gewisser Andy Warhol mit "Chelsea Girls", in dem er seine Clique als sie selbst und ohne Regieanweisungen filmte, zum Vorbild für diese Volksbeschau wurde.

Zur Demokratisierung gehörte nicht nur, dass vor allem die, nun ja, eher minderbemittelten Teilnehmer ganz besonders viel Zuschauergunst erhaschen konnten. Dazu gehörte aber auch, dass Menschen mittlerer bis geringer Prominenz ihren Alltag transparent machten. Den Anfang machte der tatsächlich berühmte Ozzy Osbourne in jener bizarren Show, die ihn zeigte, wie er durch sein eigenes Haus irrt, aber eben auch dabei, wie er mit seinen Teenagerkindern umgeht wie ein ganz normal überforderter, wenn auch etwas exzentrischer Vater.

Von Anfang an stand Reality-TV allerdings in der Kritik - die gezeigten Menschen würden vorgeführt, würden nicht verstehen, was die Kamerabegleitung mit ihnen macht. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, hat zwar Ingeborg Bachmann gesagt, aber die Wirklichkeit auch? Das Konzept der Wirklichkeit hat das Reality Fernsehen durchaus erschüttert. Vor allem, seit bei spektakelhungrigen Zusehern das Interesse an marginal oder zumindest wenig bemerkbar von außen beeinflussten Formaten wie "Big Brother" erlahmt ist. Ein schleichender Prozess: So hatte vor einigen Jahren die "Super-Nanny" RTL verlassen, weil ihr immer öfter skandalisierte, unauthentische Problemfamilien vorgesetzt worden waren. Die normalen Erziehungsschwierigkeiten brachten eben nicht mehr den erwünschten Marktanteil. Das Gros des Reality-Fernsehens dieser Tage hat nun mit "Wirklichkeit" kaum etwas zu tun: Es ist sogenannte Scripted Reality. Also "Wirklichkeit nach Drehbuch".

Gefälschte Glaubwürdigkeit


Wer sich werktags nachmittags auf Sat1 und RTL verirrt, der findet sie zuhauf. Gerichtsfälle und Familienprobleme stehen im Mittelpunkt der Formate, in denen Laiendarsteller tatsächliche oder erfundene Geschichten nachspielen. Dass man ihrem tapsigen Verhalten sofort anmerkt, dass sie keine professionellen Schauspieler sind, ist zwingend Teil der gefälschten Glaubwürdigkeit.

Und das ist auch das Problem. Denn viele Zuseher, vor allem junge, können Studien zufolge nicht mehr zwischen Spiel und Authentizität unterscheiden. Das kann beispielsweise bei Sendungen mit Ratgebercharakter, etwa zum Thema Schulden, unangenehme Folgen haben. In Deutschland will man nun eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht einführen - die Sender weigern sich allerdings noch standhaft.