Bibi Fellner (Adele Neuhauser) blickt in Eisners (Harald Krassnitzer) "Abgründe". - © orf
Bibi Fellner (Adele Neuhauser) blickt in Eisners (Harald Krassnitzer) "Abgründe". - © orf

Wien. "Du bist immer so korrekt und dann gibt es da solche Abgründe". Bibi Fellner ist erstaunt über das, was sie von ihrem Kollegen zu hören bekommt. Vor Jahren hatte Moritz Eisner eine Affäre mit einer verheirateten Kollegin und als diese ihren Mann für ihn verlassen hat, beendete er die Beziehung. Das sind allerdings nicht die einzigen "Abgründe", die sich im gleichnamigen neuen Österreich-"Tatort" (So., 20.15 Uhr, ORF2/ARD) auftun.

Denn besagte ehemalige Kollegin und Geliebte ist tot. Ihre Leiche wird in den Gemäuern eines ehemaligen Verlieses gefunden, das einst Schauplatz eines grausamen Falles war: Ein kleines Mädchen wurde dort von einem Mann festgehalten. Aber auch Jahre, nachdem der Fall offiziell zu den Akten gelegt wurde, glaubte die tote Kollegin weder an die Theorie eines perversen Einzeltäters, noch an dessen Selbstmord und dass damit der Fall auch nur annähernd abgeschlossen wäre. Also begann sie, auf eigene Faust zu ermitteln.

Ihr Tod stimmt Eisner nicht nur wegen der gemeinsamen Vergangenheit nachdenklich, sondern auch, weil er tags darauf erfährt, dass die Leiche nicht obduziert wird - "Befehl von ganz oben - es war eindeutig ein Unfall". Am selben Tag bekommt er Besuch von seinem ehemaligen Nebenbuhler. "Es ist schon komisch. Da steht einer öffentlich für Recht und Ordnung ein und privat ist er genauso ein Arschloch wie alle anderen", muss sich Moritz vom Ex-Mann der Toten anhören. Trotzdem übergibt er ihm ein Notizbuch, in dem die Tote alles über ihren letzten großen Fall aufgezeichnet hat. "Werde ihr wenigstens im Tod gerecht", gibt ihm der Ex-Mann noch mit auf den Weg.

Ungewohnt emotional beginnt Eisner auch sofort mit den Ermittlungen, bei denen ihm Kollegin Bibi Fellner sofort zur Seite steht: "Mit mir kannst du normal reden, ich bin nicht der Feind. Alles klar?", erinnert sie ihren Kollegen mit Nachdruck.

Je länger die Ermittlungen andauern, desto klarer wird, dass die tote Kollegin Recht hatte und sie womöglich einem organisierten Netzwerk auf der Spur war.

Die Täter zu schnappen gestaltet sich allerdings äußerst schwierig. Es wurden Hinweise verschlampt, Beweise vernichtet, Zeugen bestochen, Akten frisiert. Und gerade als Moritz Eisner, ob der ganzen Ungereimtheiten "kein Land mehr sieht", nimmt der Fall an Tempo auf. Nicht zuletzt wegen der resoluten Kollegin Fellner, die Eisner subtil darauf hinweist, dass die Grenzen des Gesetzes in so einem Fall übertreten werden müssen: "Wir arbeiten in so einem Saustall und was machst du? Du hältst dich an die Regeln."

Unter den Besten angelangt


Dass ein "Tatort" auch gut sein kann, wenn sich die Kommissare ein wenig zurücknehmen und den Gastdarstellern mehr Platz in der Erzählung überlassen, bewies das Bremer-Duo Sabine Postel und Oliver Mommsen am vergangenen Sonntag. Beim österreichischen Tatort würde das vielleicht auch funktionieren, muss es aber zum Glück nicht. Die 90-minütige Kriminalgeschichte besteht fast ausschließlich wegen des Duos Eisner und Fellner. Es ist der achte gemeinsame Einsatz des ungleichen Paares und er bestätigt: Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser sind in der Riege der besten Ermittler angekommen. Mittlerweile haben sie eine unnachahmliche Dynamik entwickelt, die über die teilweise vorhandene Vorhersehbarkeit und die fehlende Originalität des Themas locker hinwegtröstet. Da verwundert es auch nicht, dass Bibi Fellner ihre Polizeimarke ebenfalls auf den Tisch knallt, nachdem ihr Kollege vorübergehend suspendiert wird. Als Zuseher empfindet man das nicht als unüberlegte Trotzaktion, sondern als folgerichtiges Handeln einer loyalen Freundin. Und die braucht Eisner in diesem emotionalen Fall.

Denn Drehbuchautor Uli Brée und Regisseur Harald Sicheritz zeigen in diesem "Tatort" nicht nur Abgründe in der österreichischen Gesellschaft auf, sondern geben auch ungewohnte Einblicke in Moritz Eisners Seelenleben.