Wien. (schmoe) "Gibt es noch linken Journalismus?" Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion, zu der am Donnerstagabend in den Presseclub Concordia geladen wurde. Ausgangspunkt der Debatte war die Präsentation der Neuerscheinung "Die drei Leben des Hubert F. Vom jungen Nazi-Gegner zum linken Journalisten". Ein Werk, erschienen im Mandelbaum Verlag, in dem der langjährige "Wiener-Zeitung"-Redakteur Georg Friesenbichler die Lebenserinnerungen seines Vaters, erweitert um einen Anhang zur Parteipublizistik nach 1945, öffentlich zugänglich macht.

Dass es linker Journalismus abseits der Parteipresse in Österreich nach 1945 schwer hatte, darüber waren sich der Medienhistoriker Fritz Hausjell, der Publizist Robert Misik und der Schriftseller Martin Pollak schnell einig. Ganz anders die Lage in der Ersten Republik, als auch der Boulevard "relativ weit links angesiedelt gewesen ist", wie Hausjell ausführte. Nach 1945 freilich war schon der Start problematisch. "Mindestens 30 Prozent der Journalisten haben zuvor dem NS-Regime gedient", so Hausjell. Wenn die Zahl nicht sogar höher einzuschätzen sei. Journalisten, die aus dem Exil zurückgekommen oder im Widerstand tätig waren, seien die klar "kleinere Gruppe" gewesen. Anzutreffen nur in der kommunistischen "Volksstimme" und der sozialistischen "Arbeiterzeitung". Vor allem in den Bundesländern und in den Reihen der ÖVP-Presse habe man "lange suchen müssen", um Vertreter des Widerstandes zu finden. Die Tageszeitung "Die Presse" sei dabei ein "besonders extremes Beispiel", weiß Hausjell. Und zwar was Journalisten- wie Leserschaft betreffe. Von zwei Dritteln der Redakteure der "Neuen Freien Presse", die es geschafft hatten, sich nach 1938 ins Ausland abzusetzen, "kamen genau drei zurück", so Hausjell.

Einer davon sei dann Maler geworden, einer habe deshalb keine Chance auf einen Job gehabt, weil er in Kontakt mit Bert Brecht war und somit klar als "zu links" galt. In den Jahren 1948 bis 1950 waren "genau drei Viertel der ,Presse‘-Redakteure ehemalige NS-Journalisten", zitiert Hausjell aus einer entsprechenden Analyse.

"Ein Biotop, das nicht mehr ist"


Der Schriftsteller Martin Pollack, der mit Hubert Friesenbichler im eurokommunistischen "Wiener Tagebuch" tätig war, erklärte den linken Journalismus alter Prägung für tot. Dieser sei "frei von allen persönlichen Elementen" gewesen, man sei allein der Sache verpflichtet gewesen, habe mit großer Distanz berichtet. "Die ,Tagebuch‘-Generation war etwas, was es danach nie wieder gegeben hat", berichtet Pollack mit Wehmut. Die Kulturzeitschrift stellte ihr Erscheinen 1989 ein. Pollack sprach von einem "Biotop, das nicht mehr wiederholbar" war. "Da waren Menschen, die eine Haltung hatten, die sie auch gelebt haben". ",Arbeiterzeitung‘ - das habe ich nicht als linken Journalismus empfunden", so der Schriftsteller, der zeitweilig beim "Spiegel" tätig war: "Parteipresse hat mit linkem Journalismus nichts zu tun."

Robert Misik stimmte zu, er wies darauf hin, dass Partei-Journalismus einst auch unter linken Medienmachern schlecht angesehen war. Die verstanden sich zunehmend als unabhängige Journalisten. Neutrale Berichterstattung, die ihre Schattenseiten hat. "Die Möglichkeit, zu meiner Haltung zu stehen, wird dadurch untergraben", kritisiert Misik. Genau das benötige aber die Gesellschaft. Misiks Diagnose: Zeitungen wie "taz", "Liberation", "Il Manifesto", die über den "kleinlinken Raum" hinausgehen, "gibt es in Österreich nicht". Österreich sei zu kleinstaatlich, um genügend Leser für derartige Projekte zu gewinnen. Der Blogger stellte die Frage nach einem passenden Geschäftsmodell, das linken Journalismus heute finanzieren könnte - und sieht durchaus Chancen. "Wenn ich auf einer linksradikalen Website 200.000 Klicks habe, verkaufe ich damit Werbung. Den Firmen ist der Inhalt egal."

Pluralismus, "öffentlich-rechtlich finanziert" im Sinne einer "rechten und einer linken Insel", würde in Österreich laut Misik allerdings nicht funktionieren. Schuld daran sei das "politische Lagerdenken. Alle würden sagen, ‚das ist der verlängerte Arm der SP- bzw. VP-Parteizentrale‘. Da wäre sofort ein Glaubwürdigkeitsdefizit da."