• vom 05.06.2014, 15:33 Uhr

Medien


Buchpreis

Friedenspreis für steten Warner vor der Gefahr der Netze




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Jaron Lanier, Kritiker von Auswüchsen der Digitalisierung, wird vom deutschen Buchhandel geehrt.

Musiker, Virtual-Reality-Pionier und Gegner der Schwarmintelligenz: Jaron Lanier. - © dpa/Karsten Lemm

Musiker, Virtual-Reality-Pionier und Gegner der Schwarmintelligenz: Jaron Lanier. © dpa/Karsten Lemm

Frankfurt am Main. (bau) "2013 wird als dunkles und tragisches Jahr in die Geschichte des digitalen Universums eingehen. Es ist das Jahr, in dem wir bemerkt haben, in welche ausweglose Situation wir uns selbst manövriert haben. Wir haben durch Edward J. Snowden und die Arbeit der Aufdeckerjournalisten erfahren, wie sehr unsere Gadgets und die digitalen Netze von ultra-mächtigen Organisationen dazu verwendet werden, um uns auszuspionieren", schrieb der Autor, Computerpionier und Digitalisierungskritiker Jaron Lanier vergangenen November in der "International Herald Tribune".


Am Donnerstag wurde bekannt, dass der amerikanische Internetpionier und Schriftsteller den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Der 54-jährige Informatiker habe erkannt, welche Risiken die digitale Welt für die freie Lebensgestaltung eines jeden Menschen habe, heißt es in der Begründung des Stiftungsrats. Lanier weise auf die Gefahren hin, "die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird und wenn Menschen, trotz eines Gewinns an Vielfalt und Freiheit, auf digitale Kategorien reduziert werden". Der einstige Technologie-Guru, der als Vater des Begriffs "virtuelle Realität" gilt, war auch als Unternehmer an zahlreichen digitalen Entwicklungen beteiligt.

Lanier selbst zeigte sich in Interviews immer wieder entsetzt, welche Auswüchse die an sich erfreulichen Entwicklungen einer digitalen Gesellschaft nahmen. Etwa als er im "Spiegel" am Beispiel von Postings in der "New York Times" die Dynamik der Entstehung eines "digitalen Mobs" beschrieb: "Die ersten Kommentare sind noch in Ordnung. Doch bald wächst sich das Ganze zu einem teuflischen Gemetzel aus. Das ist keine Ausnahme, sondern ein typisches Muster im Netz." Die Anonymität spiele dabei eine große Rolle. "Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung. Da wird ein biologischer Schalter umgelegt, und es entsteht eine richtige Meute. Das lässt sich auch in anderen Lebensbereichen beobachten. Wann immer sich Menschen mit einem starken gemeinsamen Glaubenssystem zusammenschließen, tritt meistens das Schlechteste zutage", so Lanier.

Digitale Welt braucht Struktur
Sein jüngstes Buch ("Wem gehört die Zukunft") sei ein Appell, wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein, heißt es in der Begründung für die Preisvergabe. Der digitalen Welt müssten Strukturen vorgeben werden, um die Rechte des Individuums zu achten und die demokratische Teilhabe aller zu fördern. Lanier, der auch Musiker ist, lebt heute im kalifornischen Berkeley bei San Francisco.

Die Konzentration der Macht, wie sie sich bei Google, Facebook und Amazon offenbart, führt, wie er in der "FAZ" ausführte, zurück auf ein ungerechtes Tauschgeschäft, das dem User vorgaukelt, für nichts alles zu bekommen, ihn in Wirklichkeit aber ausplündert und vereinnahmt. Er will nicht einsehen, warum die Gesellschaft sich bereit erklären sollte, ihre Daten und ihre Arbeit umsonst herzugeben. Andererseits darf sie Information nicht kostenfrei erwarten. "Lanier hat als einer der Ersten überhaupt auf den zutiefst ambivalenten, für Missbrauch anfälligen Charakter hingewiesen, der die schöne neue Welt auszeichnet", urteilt die "FAZ".

Verliehen wird die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung vom Dachverband der deutschen Buchbranche. Überreicht wird der Preis zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse. Der seit 1950 vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland. Geehrt wird damit eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat. Zu den bekanntesten Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988), Mario Vargas Llosa (1996), Jürgen Habermas (2001) und Orhan Pamuk (2005). Im vergangenen Jahr wurde die weißrussische Regimekritikerin Swetlana Alexijewitsch geehrt.




Schlagwörter

Buchpreis, Digital, Kritik, NSA

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2014-06-05 15:35:05


Black Music

Als "funky" noch muffig bedeutete

Schon Antonin Dvorak soll gesagt haben: "In den Negermelodien Amerikas entdecke ich eine große und edle Schule der Musik... weiter




Comic

Subversive Unbekümmertheit

Subtiler Unsinn: beide Bilder aus dem Comic "Das Ritual". - © Nicolas Mahler Außerirdische sind auf der Erde eingetroffen. Figuren mit langen Nasen, ihre Arme reichen bis zum Boden, von ihren Helmen ragen stockartige Antennen... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Krisengebiet Mann
  2. Dem Vergessen entgegenwirken
  3. Salzburger Eskapaden
  4. Der Twist in einer toten Karriere
  5. Gegenwind für Donald Trump
Meistkommentiert
  1. "Selbstbewusst einen lauten Schas lassen"
  2. Menasse bekommt trotz Kritik Zuckmayer-Medaille
  3. Roman unter Wahrheitspflicht
  4. "Kammermusik ist fast wie Urlaub"
  5. Led Zeppelin: Als das Luftschiff fliegen lernte


Quiz


Der Deutsche gab am Pult im Goldenen Saal des Musikvereins den Kapellmeister Deluxe.

Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker. Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk.

Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913


Werbung