Istanbul. Er vermisst das Klackern der Tastaturen, das ständige Klingeln der Telefone, die Hektik, wenn der Sendetermin naht. Dann die Erleichterung, wenn wieder alles funktioniert hat - wenn die Talkgäste gesprächig, die Debatte hitzig und die Einschaltquote ordentlich waren. Askin Sag will wieder zurück in die Redaktion seines alten Arbeitgebers, der staatlichen türkischen Fernsehanstalt TRT. Doch weil der 35-Jährige in einem Tweet die AKP-Regierung als "Gaunerin" bezeichnet hatte, sei ihm vor einem Jahr gekündigt worden. "Mein Chef hat mir direkt ins Gesicht gesagt, dass er nichts Regierungskritisches in seiner Redaktion duldet, dann hat er mich fristlos gefeuert", sagt Sag.

Seit den Gezi-Unruhen von vergangenem Sommer wächst die Kritik der islamisch-konservativen Regierung an der Berichterstattung westlicher und türkischer Medien. Reporter beklagen, ihre Arbeit werde zunehmend erschwert. Deswegen hat der Journalist Sag für das Gespräch in einem Istanbuler Café die Bedingung gestellt, dass sein richtiger Name nicht erwähnt wird. Zwar hat er einen neuen Job in einer Event-Agentur, aber die Angst vor der Arbeitslosigkeit sitzt noch tief.

Erst kürzlich beschimpfte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan einen CNN-Journalisten als "Speichellecker". Wenige Tage zuvor hatte ein Erdogan-Berater kritisiert, "ein Teil der deutschen Medien" berichte regierungsfeindlich. Diese Medien würden noch lernen, dass niemand "den türkischen Staat, die Regierung, den Ministerpräsidenten so schamlos angreifen" dürfe. Der Türkei-Korrespondent des "Spiegel" erhielt nach seiner Berichterstattung über das Grubenunglück in Soma Morddrohungen und verließ kurzzeitig das Land. Ein Korrespondent erzählte, dass auf Veranstaltungen von AKP-nahen Verbänden deutschsprachige Artikel über die Türkei herumgereicht worden seien, als Beleg für die negative Berichterstattung.

Türkische Presseverbände sprechen von einem Klima, das an die Ära des amerikanischen Kommunistenjägers und Republikaners Joseph McCarthy erinnere. Auf der Rangliste der Pressefreiheit landete die Türkei kürzlich auf Platz 154, hinter dem Irak und Russland. 2003, als Erdogan das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, befand sich die Türkei noch auf Rang 116 der Pressefreiheit.

Kaum Regierungskritik