Wien/Berlin. Interessanterweise sind es ja oft die Abwesenden, über die bei Veranstaltungen am meisten geredet wird. Auch auf der diesjährigen IFA in Berlin war dies der Fall. Viel wurde dort über Apples neues iPhone, den Rechtsstreit in Deutschland mit der Taxi-App Uber und den Start von Video-on-Demand-Anbieter Netflix in Deutschland und Österreich diskutiert. Was bringt Netflix den Anbietern, den Nutzern und der Unterhaltungsbranche insgesamt?

Geboren aus Ärger


Netflix, 1997 in Los Gatos, Kalifornien, gegründet, hat sich mittlerweile in den USA als fixe Größe etabliert. Die Idee dazu kam Gründer Reed Hastings aus Ärger über seinen Videoverleih, der ihm aufgrund überzogener Leihfrist 40 Dollar Strafe berechnete. Hastings startete daraufhin ein Videoverleihsystem per Post - mit einer monatlichen Abogebühr, aber ohne Strafgebühren. Bald schon entschied man sich bei Netflix, die Filme nicht mehr postalisch zu verschicken, sondern über das Internet direkt auf die Fernseher der Kunden zu senden. Das Geschäftsmodell ging auf. Mehr als 50 Millionen Anwender nutzen das Angebot und sorgen in Spitzenzeiten für 45 Prozent des gesamten Internetverkehrs in den USA, weit vor YouTube, Facebook und Co. Auch der Begriff des "Binge Watching", also des "Fernsehens bis zum Erbrechen" kam mit Netflix auf, da die Seher oftmals ganze Nächte dem Serienkonsum widmeten. Mittlerweile konsumieren alle Netflix-Nutzer gemeinsam eine Milliarde Fernsehstunden pro Tag und sorgen für eine Milliarde Dollar Umsatz.

Eine Ausdehnung des Marktes außerhalb der englischsprachigen Länder war damit nur eine Frage der Zeit, und nun kommen also auch deutschsprachige Kunden in den Genuss des Netflix-Angebotes.

Harte Konkurrenz


Für eine monatliche Gebühr von 7,99 Euro können Serien über das Internet am Fernseher, PC oder Tablet konsumiert werden. Anders als in den USA hat Netflix aber schon einige etablierte Mitbewerber. Egal, ob Maxdome, von der ProSiebenSat1-Gruppe betrieben, Snap, vom Bezahlsender Sky oder auch Angebote von UPC oder der Telekom Austria, alle setzen schon seit einiger Zeit auf Fernsehkonsum gegen Gebühr, wann immer die Nutzer wollen. Entweder auch als Abo-Modell oder mit Fixpreisen pro Film. Hier zeigt sich auch die Herausforderung für die etablierten Anbieter - wie kann man seine Kunden halten, wenn man für einen Film drei Euro verlangt, wo ein uneingeschränkter Konsum um acht Euro pro Monat zu haben ist? Bereits aktive Anbieter ähnlicher Monats-Abos sehen sich hingegen damit konfrontiert, ihr Portfolio so auszubauen, um weiterhin attraktive Konkurrenz zu sein. Die Latte liegt hoch, wurde Netflix doch aufgrund seiner selbstproduzierten Serie "House of Cards" bekannt. Genau diese Serie wird aber in Österreich und Deutschland nicht bei Netflix zu sehen sein, da die Rechte, in Ermangelung einer lokalen Präsenz, an Sky verkauft wurden. Nichtsdestotrotz kündigte man bereits an, eigene deutschsprachige Serien produzieren zu wollen, angesichts des großen Budgets von Netflix eine Ankündigung, die den Markt beleben dürfte. Aufgrund von unterschiedlichen Lizenzbedingungen in den europäischen Ländern muss der US-Anbieter auch entsprechend produzieren und Fremdprodukte zukaufen. So wurden etwa bereits die Comedy-Serie "Stromberg", eine Reihe Til-Schweiger-Filme und "Die Sendung mit der Maus" eingekauft.

Großer Hoffnungsträger


Gespannt darf man sein, wie die großen Provider reagieren. Einerseits bieten UPC, A1 und Co. auch selbst Online-Videotheken an, auf der anderen Seite sorgt ein erfolgreicher Netflix-Einstieg aber auch für mehr Datennutzung und könnte somit die Gewinne aus schnellen Breitbandverbindungen, die für das Service essenziell sind, sorgen. Keine Auswirkungen wird es hingegen auf die Mediatheken von ORF, ARD und Co. geben, denn dort werden Serien und Filme ohnehin kostenlos und nur eine Woche nach Erstausstrahlung angeboten.

Immens große Erwartungen an Netflix hat aber die Elektronikbranche. Die TV-Hersteller, die ihre "smarten" Fernseher an die Kunden bringen wollen, stehen vor dem Dilemma, dass die Fernseher zwar internetfähig sind, aber nur in einem Viertel der Fälle auch tatsächlich online gehen. Somit bleibt der intelligente Fernseher dumm. Ein Erfolg von Video auf Abruf würde somit eine Vielzahl neuer intelligenter und vernetzungsfähiger Fernseher mit sich bringen. Die Grundvoraussetzung für einen vernetzten Haushalt, in dem das TV-Gerät eine zentrale Rolle spielen soll.