Radio als Medium könnte viel mehr, als es derzeit zeigt. Kommt das Comeback? - © Neil Emmerson/Corbis
Radio als Medium könnte viel mehr, als es derzeit zeigt. Kommt das Comeback? - © Neil Emmerson/Corbis

Liebes Radio - wir müssen reden. Ja, heute ist Dein neunzigster Geburtstag und, ja, so was hebt man sich gemeinhin nicht für Feiertage auf. Aber zum runden Geburtstag schenke ich Dir eine neue Perspektive. Denn während andere lieber Deine lange, nicht immer gloriose Geschichte runtererzählen, während wohlwollende Sonntagsreden geschwungen werden und Deine Erfolgsstory bemüht wird, so hängt doch der Haussegen schon länger nicht mehr gerade. Denn es ist nämlich so: Du könntest noch immer die große Liebe sein. Aber so, wie das jetzt läuft, ist Deine Geschichte eher eine Geschichte der verpassten Chancen. Eine Geschichte von gegenseitigen Erwartungen, von unerfüllten Wünschen, von Ärger und enttäuschter Hoffnung, von einer veränderten Welt.

Haben wir uns auseinandergelebt? Am Anfang steht wie so oft die Frage mit Nähe und Distanz. Radio ist von allen Medien jenes, das die Hörer dazu bringt, es am nächsten an sich ranzulassen. Das sie begleitet, ob es im Badezimmer ist, beim Kochen, im Auto oder zwangsbeschallt im Supermarkt. Das Radio ist immer da, es ist nahe, es kommt über das Ohr - den Sinn, den wir nicht abschalten können. Es ist ungefragt per Du mit dem Hörer. Es verhabert sich, biedert sich an, es ist wie der Typ, der Dir im Biergarten von hinten auf die Schulter klopft und sagt: "Na Alter, alles klar?"

Diese Nähe ist es auch, die einem Radiosender seine Kraft gibt, Zuneigung zu erzeugen. Man gewöhnt sich an die Menschen, die man hört. Es kommt unbekannter Weise eine gewisse Sympathie auf: Man mag die Stimme, vielleicht den Humor und man ist verstimmt, wenn da eine andere Stimme kommt als gewohnt. Das führt dazu, dass Radiohörer Veränderungen ihrer Hörgewohnheiten als dreisten Eingriff in ihre Autonomie sehen und sich darüber emotional aufregen - Mitarbeiter beim ORF-Kundendienst wissen, dass das passieren kann.

Leuchtturm im Flachwasser
der Belanglosigkeit


Und dennoch wird diese Nähe nicht in dem Maße genutzt, wie es sein könnte. Denn Radio kann Bilder im Kopf erzeugen, kann einen an der Hand nehmen, kann einen zu fantastischen Orten führen, Horizonte erweitern und Wissen vermitteln. Seien es heute fast vergessene Darstellungsformen wie Features, Hörspiele oder Dokumentationen, etwa das völlig freakige "Radiokolleg" mit aus den Fesseln von Aktualität und Relevanz befreiten Themen, die mit nerdiger Akribie beleuchtet werden, dass es eine Freude ist. Hier zeigt Radio, was es kann.

Aber das ist die Ausnahme. Der einsame Leuchtturm im Flachwasser der Belanglosigkeit. Im Gewirr der Musikteppiche, der Eintönigkeit der Formatfläche, dem bis zum Spaßterrorismus gesteigerten erzwungenen Lustigsein. Der schon am Montag davon redet, dass in vier Tagen ja wieder Wochenende ist - parampampam. Denn es ist nicht "heiß", es ist "Badewetter" - auch an einem Werktag. Alle sind zwangsweise auf "Holiday", auch wenn von Urlaub keine Spur ist. Hier wird nicht differenziert, hier wird kategorisiert. Rein in die Schublade und fest zugedrückt. Schwarz und Weiß, die binäre Signatur der Ahnungslosigkeit, sie muss allzu oft reichen, in einer Landschaft, wo das Leben doch ein Hit ist.

Vielleicht ist der Knackpunkt auch schon früher zu suchen. Es springt der Punkt ins Auge, wo wir zugelassen haben, dass sich das Radio vom Medium zum Begleitmedium reduziert hat. Durch seinen Rückzug von der Sendung, die eine Idee, einen Zweck, ein Herz und eine Seele hatte, hin zur gemainstreamten Musikfläche, die durch Wortanteile lediglich "unterbrochen" wird. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass es in den Quoten keine Rolle spielt, was man wirklich tut, wenn man Radio hört, Hauptsache irgendwo dudelt was. Und dazu muss man vor allem eines sein: unauffällig.

Wenn sich das Radio freiwillig zurückzieht auf die Rolle desjenigen, der möglichst nicht stören will, der sich sozusagen schüchtern in eine Ecke des Daseins drückt, um ja nicht abgedreht zu werden, dann muss alles weichen, was eine Ablenkung darstellt. Der Wortanteil zum Beispiel kann ganz schön ablenken, vor allem wenn er kritisch ist und sich anmaßt, zum Nachdenken anzuregen. Wenn es nicht mehr primär um die Vermittlung von Inhalten geht, sondern das Radio nur mehr zum reinen Transporteur einer ominösen Feelgood-Stimmung wird, dann hat es als Medium seine Berechtigung infrage gestellt.

Welchen Sinn macht es, Musik abzutesten, ob sie eh allen gefällt? Nur Musik zu spielen, die einem bereits gefällt - dafür braucht man in Zeiten, in denen eine Playlist nur drei Klicks entfernt ist, kein Radio mehr. Warum noch im Auto darauf hoffen, dass ein guter Song kommt, wenn er am Handy ohnehin bereitliegt? Die technologischen Hürden sind längst gefallen, Musik ist Allgemeingut, stets und billig verfügbar - warum also noch darauf setzen?

Fünfzehn Jahre im technologischen Tiefschlaf


Und dennoch wird im Radio so getan, als hätte es in den letzten 15 Jahren keinerlei Entwicklung gegeben. In Österreich gibt es mehr als ein Dutzend Radiosender, die im Wesentlichen alle dasselbe Musikgenre spielen: Mainstream, direkt aus dem Computer, mit mehr oder weniger enervierender Ummantelung durch Nachrichten, die mäßig motivierte Teilzeit-Studenten direkt aus dem Internet vorlesen. Haben wir für diese Mimikry eines Radioprogramms wirklich das Privatradio gebraucht? Dutzendschaften hirnschmalzdeprivierter Me-too-Produkte, die alle dem Marktführer hinterherhecheln, nur um jedes halbe Jahr in den Untersuchungen festzustellen, dass sich der Hörer, dieses undankbare Gewohnheitstier, noch immer für das Original entschieden hat?