• vom 03.10.2014, 14:38 Uhr

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Update: 03.10.2014, 15:12 Uhr

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BWL? Dann lieber gleich Zocker!




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Von Barbara Dürnberger

  • Die 3sat-Sendereihe "Ab 18!" zeigt unkonventionelle Porträts über die Träume und Sorgen junger Erwachsener.



Eine fast menschenleere Plattenbausiedlung nahe der polnischen Grenze in Ostdeutschland. Sie suggeriert Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und vor allem fehlende Perspektiven für die wenigen Bewohner, die ihr noch nicht den Rücken gekehrt haben.

"Ab 18!": Was tun, wenn man mit Anfang 20 schon einige Jahre hinter Gittern verbracht hat?

"Ab 18!": Was tun, wenn man mit Anfang 20 schon einige Jahre hinter Gittern verbracht hat?© 3sat "Ab 18!": Was tun, wenn man mit Anfang 20 schon einige Jahre hinter Gittern verbracht hat?© 3sat

Jocko ist einer von ihnen. Er ist 23 Jahre alt und hat sein ganzes Leben hier verbracht. Sein Überleben sichert die Arbeit im väterlichen Elektrobetrieb, den er seit dem Tod der Mutter praktisch alleine führt. Anders als viele junge Erwachsene hat er sich entschieden, nicht aus seiner Heimatstadt wegzugehen. Er wollte den Vater nicht im Stich lassen. Doch die Einsamkeit macht ihm mittlerweile oft zu schaffen und in ihm wächst der Drang, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen, mehr aus sich zu machen.


Filmemacherin Bettina Timm hat mit "Jocko 23" (So., 21.45, 3sat) ein berührendes Porträt eines jungen Mannes geschaffen, der sein Dasein an einem schon fast vergessenen Ort in der deutschen Provinz fristet und damit sowohl zufrieden als auch unglücklich scheint.

Ihr Dokumentarfilm bildet den Start der fünfteiligen 3sat-Sendungsreihe "Ab 18!", in der interessante und individuelle Kurzgeschichten über das Erwachsenwerden erzählt werden.

Im Rahmen einer Ausschreibung bat der Sender vergangenes Jahr um Einsendungen von freien Autoren, Filmhochschülern oder Nachwuchsfilmemachern. Über 120 Projekte wurden eingereicht - fünf davon schafften es bis zur Endproduktion und werden ab dem morgigen Sonntag zu sehen sein.

Sie alle tauchen ein in die Erlebnis- und Gefühlswelt junger Erwachsener von heute und erzählen von ihren Erfolgen, Träumen, aber auch von Enttäuschungen und Konflikten.

Verlangt wurden entweder Projektvorschläge für Auftragsproduktionen oder bereits entstehende und fertige Filme mit einer Länge von 30 bis 45 Minuten. Die Protagonisten sollten jeweils einen für ihre Generation relevanten Lebensaspekt repräsentieren und Einblicke in ihre persönliche Geschichten geben. Die Beiträge selbst sollten bewusst subjektiv statt berichtend sein, dokumentarisch statt journalistisch und gänzlich ohne Scripted Reality auskommen. Entstanden sind so unkonventionelle Porträts, die sich alle durch einen persönlichen filmischen Stil auszeichnen.

So auch jener der österreichischen Filmautorin Katharina Copony, die für ihr Porträt "Spieler" (So., 22.15 Uhr, 3sat) den in Berlin aufgewachsenen Russen Rustem begleitete. Seit acht Jahren verdient Rustem seinen Lebensunterhalt durch Pokerspiel - online und offline. Am virtuellen Spieltisch, der 24 Stunden am Tag verfügbar ist, verdiente der 25-Jährige unter dem Pseudonym "Puma23 XX" bereits hunderttausend Dollar. Da diese Beschäftigung, wenn man sie professionell und hauptberuflich ausüben möchte, auch äußerst zeitaufwendig ist, hat sich Rustem mittlerweile von seinem BWL-Studium beurlauben lassen. Eine Zukunft als Zocker erscheint ihm vielversprechender.

Mit Schule und Weiterbildung konnte auch Hassan nie viel anfangen. Der 25-Jährige aus dem Libanon lebt seit 22 Jahren in Berlin-Neukölln, hat früh die Schule geschmissen und wurde durch Zufall auf der Straße zu einem Theater-Casting eingeladen. Es folgten einige Engagements an Berliner Bühnen und größere Rollen in Spielfilmen. Doch oft kommt es bei den Proben und Dreharbeiten zu Auseinandersetzungen: Hassan hat es satt, mit seinen Rollen immer nur die Klischees von Drogendealern und Kriminellen zu bedienen. Er beschließt, sein eigenes Drehbuch zu schreiben. Im Dokumentarfilm "Hassans Film" (Mo., 22.25 Uhr, 3sat) begleitet Filmautorin Irene von Alberti Hassan die Entstehung seines Films und zeigt die innere Zerrissenheit des jungen Mannes, der sich in einer materialistischen Welt zurechtfinden, sich dabei aber treu bleiben will.

Ebenfalls im Rahmen der Sendereihe zu sehen: "Vorwärtsgang" (Di., 22.25 Uhr, 3sat) über den 23-jährigen Imo, der nach vier Jahren Gefängnis wieder den Weg zurück ins Leben sucht und findet, sowie "10 Wochen Sommer" (Di., 22.55 Uhr, 3sat), ein stimmungsvolles Werk über die Entwicklung und den Zerfall einer Mädchenfreundschaft.




Schlagwörter

Medien, Fernsehen, 3sat, Jugend, TV-Tipp

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2014-10-03 14:41:05
Letzte Änderung am 2014-10-03 15:12:37



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