Seoul. Der Stein des Anstoßes sind gerade mal sieben Stunden, doch für Tatsuya Kato könnten sich diese zu satten sieben Jahren Haft ausweiten: Der ehemalige Seoul-Korrespondent der ultrakonservativen japanischen Tageszeitung "Sankei Shimbun" griff in einer Kolumne vom 3. August Gerüchte auf, die das mysteriöse Fehlen der südkoreanischen Präsidentin am Tag des Schiffsunglücks klären sollten. Als beim Sinken der Sewol-Fähre über 300 Passagiere ertranken, erschien Park Geun-hye erst am Nachmittag im Krisenzentrum, selbst engste Mitarbeiter wussten stundenlang nicht über ihren Aufenthaltsort Bescheid.

Kato deutete in seinem Artikel an, die Präsidentin habe sich außerhalb ihres Regierungssitzes mit einem ehemaligen Berater getroffen und ihr so indirekt eine außereheliche Affäre nahegelegt. Am 8. Oktober wurde der japanische Journalist nun wegen Diffamierung angeklagt. Brisant ist, dass Kato fast ausschließlich bereits publizierte Informationen wiedergegeben hatte, vor allem aus südkoreanischen Tageszeitungen, die dafür nicht belangt wurden.

Cyberzensur

Sein Fall ist nur der letzte einer ganzen Serie an Zensurmaßnahmen, mit der die Regierung die öffentliche Meinung über sie kontrollieren möchte. Bereits 2011 bezeichnete die Nichtregierungsorganisation Freedom House Südkorea als nur "eingeschränkt freies" Land, das seine Medien aktiv zensiere. So wurde vergangene Woche ein chinesischer Student des Landes verwiesen, weil dieser über soziale Netzwerke das nordkoreanische Regime lobte - ein Vergehen gegen das nationale Sicherheitsgesetz, das laut Amnesty International in den letzten Jahren immer inflationärer verwendet werde.

Südkorea ist das bestvernetzte Land der Welt, über 70 Prozent der Bevölkerung besitzen ein Smartphone. Die Gegenöffentlichkeit formiert sich vor allem im Internet, das hier so schnell fließt wie sonst nirgendwo. Kein Wunder, dass sich die Zensur immer stärke ins Digitale verlagert.

Allein seit letztem Jahr richtete die Regierung 147 Überwachungsanfragen an Kakaotalk, der beliebtesten Textmessage-App des Landes. Unzählige Male ließ der Chat-Anbieter Postings löschen, oft handelte es sich um vermeintlich diffamierende Äußerungen gegen die Präsidentin und führende Politiker der konservativen Regierungspartei. Als die Debatte um die Cyberzensur eskalierte, reagierten die User prompt: Anderthalb Millionen von ihnen wichen auf die Konkurrenz Telegram aus, darunter auch der Vorstand des südkoreanischen Mischkonzerns Doosan, Park Yong-maan. Telegram gilt als besonders sicher und verschlüsselt jede Kommunikation mit dem Server.

Scheinidentitäten

Der Internetgigant Daum Kakao stand zwischen den Fronten - und entschied sich letztlich, für seine Nutzer in die Bresche zu springen. Anfang der Woche bekundete der Firmenvorstand, bei künftigen Überwachungsanfragen von privaten Chatverläufen nicht mehr mit der Regierung kooperieren zu wollen und auch etwaige rechtliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

"Wie der Vater, so die Tochter", kritisierte eine Abgeordnete der liberalen Oppositionspartei Park Geun-hyes rigide Internetpolitik. Park würde Schritt für Schritt das öffentliche Überwachungssystem von ihrem Vater Park Chung-hee übernehmen. Dieser führte das Land am Han-Fluss in den 60ern und 70ern zu wirtschaftlichem Wohlstand, unterdrückte aber als Militärdiktator seine Bevölkerung mit einem totalitären Überwachungsapparat.

Bereits vor ihrem Amtsantritt hatte die Diktatorentocher für einen handfesten Cyberskandal gesorgt: Geheimdienstmitarbeiter gaben sich auf sozialen Netzwerken Scheinidentitäten und warben in mehr als 1,2 Millionen Tweets für die spätere Präsidentin.