Udo Jürgens bekommt ein Ständchen - von Ernie, Bert und dem Krümelmonster. - © C. Charisius/epa/picturedesk
Udo Jürgens bekommt ein Ständchen - von Ernie, Bert und dem Krümelmonster. - © C. Charisius/epa/picturedesk

Robert ist als Showmaster ein Superstar: Er tritt hinter dem Glitzervorhang hervor und begrüßt seine zwei Kandidaten. Robert trägt Anzug, Krawatte und gute Manieren zur Schau. Robert ist eine Legende! Denn Robert hat eine Quizshow, wo der Name Programm ist: "Ein Dreieck ist’s!". Die zwei Kandidaten haben dabei nur eine Aufgabe: Sie müssen auf jede Frage sagen: "Ein Dreieck ist’s!" Es ist wohl eine der absurdesten Shows der Welt - aber das Ganze macht dennoch Sinn: Denn Robert und seine Kandidaten sind Puppen aus der Sesamstraße. Und die gekonnte Persiflage auf den absurden Quizshow-Boom zählt zu den Kult-Sketches, die dieses TV-Format hervorgebracht hat.

Das Krümelmonster, das gerne Kekse frisst, Ernie und Bert, Samson, Tiffy, Herr von Boedefelt, Graf Zahl, Kermit der Frosch (der als vielbeschäftigter Star auch in der "Muppet-Show" spielt), sie alle sind seit Jahrzehnten prägend für die Kinder und ihre ersten Begegnungen mit dem Medium Fernsehen. Vor genau 45 Jahren, am 10. November 1969, ging die erste Folge der "Sesame Street" im amerikanischen Fernsehen on air. Und begeisterte im öden Anzug-und-Krawatten-TV der 60er Jahre spontan. Dass man sich mit den Puppen aus der Werkstatt des Puppenspieler-Genies Jim Henson (der auch die Muppets zum Leben erweckte) damit auch ein Stückchen feine Subversivität und Humor, der eigentlich nicht die jungen, sondern die zeitgleich ebenfalls zusehenden erwachsenen Zuseher begeistern würde, auf den Sender holte, war damals schon absehbar. Unfassbare 45 Staffeln mit 4378 Episoden machen die Show mit ihrer Mischung aus Realfilm, Puppenszenen und Musik zu einer der längstdienenden Serien der Welt.

Fernsehen als Vorschule

Dabei waren die Intentionen durchaus ja ernsthaft. Zwischen 1966 und 1969 hatten die Entwickler der Show, Joan Ganz Cooney und Lloyd Morrisett, einen heutigen Wert von 51 Millionen Dollar aus Erziehungs-Stiftungen zur Verfügung. Das Ziel: Das damals stark wachsende Medium (aber immer noch nicht so zentral wie heute im Leben stehende) Fernsehen zu nützen, um Kinder auf die Schule vorzubereiten. Wenn also Ernie und Bert Tassen zählen und dabei sowohl Ernie als auch die Kinder die Katastrophe, mit der am Ende alles zu Bruch geht, schon kommen sehen, dann ist das genau die geniale Synthese von edukativem und entertainendem Inhalt, die das Erfolgsrezept ausmacht.

Da kommt es gerade recht, dass man mit Graf Zahl (im englischen Original wortspielerisch Count von Count genannt) einen Vampir mit Zähltick zur Hand hat, der etwa beim Äpfel-Zählen an seinem Verstand zu zweifeln beginnt, weil ihm das Krümelmonster hinterrücks die Äpfel wegfrisst.

Nur wenige Jahre später, 1973, entschloss sich auch die ARD, die Sendungen zu übernehmen. Alle Anstalten bis auf die Bayern strahlten sie zunächst synchronisiert aus. In Bayern war man der Meinung, dass es die Unterschicht, die man hier dargestellt sah, im Gelobten Land gar nicht gebe - und weigerte sich mitzuziehen. Kurioserweise hat auch der heimische ORF nie dem Mut gehabt, die Sesamstraße zu übernehmen - ein gewisser Fernsehdirektor namens Helmut Zilk soll die bunten Puppen mit ihren großen Augen damals für potenzierten Schwachsinn gehalten haben.

Doch der deutsche Strang der Sesamstraße hat sich ohnehin zusehends vom amerikanischen Original emanzipiert. Zwar wurden immer wieder Teile übernommen, doch kreierte man Handlungen, Konzepte, Puppen - ja ganze Spin-offs, die nur im deutschen Raum vorkamen. Samson, der naive große Bär mit zotteligem braunem Fell und sein altkluges Alter Ego Tiffy, die rosafarbene, vogelartige Klappmaulpuppe mit frisurähnlichen Federn und dem seltsamen Tick, ständig reparaturbedürftige Wecker zu suchen, waren die ideale Projektionsfläche für die deutsche Seele. Samson hat im Übrigen eine Vorliebe für Würstchen, gebrannte Mandeln und sein Schnuffeltuch. Das vereint ihn mit dem Krümelmonster (im englischsprachigen Original: Cookie Monster) mit seinem blauem Fell, den rollenden Augen und seinem Heißhunger auf Kekse. Dieser wurde ihm 2005 zum Verhängnis: Man befand, sein pathologischer Drang zu Kohlehydraten sei diaetologisch nicht mehr tragbar sei (Kinder! Vorbild!) und setzte das arme Tier auf Kohlrabi-Diät.

Doch nicht immer steht die edukative Seite im Vordergrund, etwa wenn der dubiose Straßenhändler Schlemihl (im Original: Lefty, the Salesman) mit stets etwas zwielichtig anmutenden Geschäftspraktiken versucht, alle über den Tisch zu ziehen. Legendär und ein echter Running Gag sind dabei seine Versuche, Buchstaben oder Zahlen zu verkaufen ("Psssst!" Möchtest Du ein O kaufen?" - dabei zieht er den Buchstaben gekonnt aus dem Mantel).

Es sind genau diese mehrfachen Erzählebenen, die nahezu subversiv in die Geschichten und schon fast archetypisch anmutenden Figuren eingewoben sind. Typischerweise lachen dabei Erwachsene und Kinder an unterschiedlichen Stellen, ein Rezept, dass der (immerhin öffentlich-rechtliche!) Kika mit seiner Figur "Bernd das Brot" zur Perfektion getrieben hat - und das zum Star einer Generation wurde.