München. Als Reporter der britischen Tageszeitung "The Guardian" veröffentlichte Glenn Greenwald die Enthüllungen des ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden über die weltweiten Ausspähaktivitäten der NSA. Der Whistleblower Snowden vertraute dem 47-jährigen Juristen und der US-Dokumentarfilmerin Laura Poitras in Hongkong sein Archiv geheimer NSA-Dokumente an. Für sein Buch "Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen" erhielt der New Yorker nun in München den Geschwister-Scholl-Preis. Anlässlich der Verleihung sprach die "Wiener Zeitung" mit Greenwald.

Weißkopfseeadler hört mit: Greenwald glaubt daran, dass andere Länder der mächtigen US-Überwachung sehr wohl ein Schnippchen schlagen können. - © Alex Milan Tracy/NurPhoto/Corbis
Weißkopfseeadler hört mit: Greenwald glaubt daran, dass andere Länder der mächtigen US-Überwachung sehr wohl ein Schnippchen schlagen können. - © Alex Milan Tracy/NurPhoto/Corbis

"Wiener Zeitung": Herr Greenwald, die NSA-Affäre begann vor über einem Jahr mit Ihren Berichten. Wann hatten Sie zuletzt mit Snowden Kontakt?

Glenn Greenwald: Vor vier Tagen.

Erinnern Sie sich an den Moment, als Ihnen das ganze Ausmaß der Enthüllungen erstmals bewusst wurde?

Das war im Flugzeug nach Hongkong. Dort konnte ich erstmals das volle Archiv der Dokumente einsehen, die der Informant mir und der Dokumentarfilmerin Laura Poitras gegeben hatte. Das waren nicht nur ein paar Dutzend, sondern abertausende. Ich staunte nicht nur über die Menge des Materials, sondern auch, wie unfassbar geheim das alles war. Und da wusste ich: Eine Story wie diese hat es im Journalismus noch nicht gegeben.

Was war Ihr erster Eindruck von Edward Snowden?

Ich war völlig erstaunt, wer da vor mir saß - ein 29-Jähriger. Ich hatte einen älteren Mann erwartet. Da wollte ich natürlich wissen: Was motiviert einen so jungen Menschen, alles aufzugeben, was er hat? Doch bald hatte ich keinen Zweifel mehr, dass alles stimmte, was er sagte. Was mich sehr für ihn eingenommen hat, war seine Rationalität, Ruhe und Gelassenheit.

Manche raten Snowden, sich auf einen Deal mit den USA einzulassen und aus seinem Moskauer Exil zurückzukehren. Halten Sie dies für realistisch?

Ich glaube nicht, dass die US-Regierung jemals einer Rückkehr von Edward Snowden zustimmen würde, ohne ihn nicht für viele, viele Jahre ins Gefängnis zu stecken. Darauf kann er sich nicht einlassen. Nein, ich sehe leider nicht, dass er in die USA zurückkehren wird.

Welche Perspektive hat Snowden?

Nach meiner Meinung hat jedes Land, das von seinen Enthüllungen profitierte, eine rechtliche wie moralische Verpflichtung, ihm Asyl zu gewähren. Und je mehr Länder für Snowdens Grundrechte eintreten, je mehr Optionen hätte er. Aber wichtig ist, dass er momentan frei an der weltweiten Debatte teilnehmen kann, die er ausgelöst hat.

Sie haben Snowden vor kurzem gesehen, wie hat er auf Sie gewirkt?

Es geht ihm wirklich gut. Er ist mit seiner Freundin zusammen, kann durch Russland reisen, Interviews geben. Er bereut seine Entscheidung nicht, die geheimen Daten öffentlich gemacht zu haben. Heute ist er einer der glücklichsten Menschen, die ich kenne.

Als Snowdens wichtigster Partner bei der Aufdeckung des Skandals: Fühlen Sie sich sicher?

Im Großen und Ganzen, ja. Ich kann durch Europa reisen und war auch wieder in den USA. Ich konnte ungehindert einreisen und mich relativ frei bewegen. Trotzdem werde ich vorerst in Brasilien bleiben. Es gibt nur ein Land, in das ich derzeit nicht fahren würde: Großbritannien. Dort schätze ich das Risiko höher ein - auch mit Blick darauf, dass mein Partner dort ohne Grund elf Stunden lang am Flughafen festgehalten wurde.

Kommunizieren Sie heute anders als vor einem Jahr?

Ich verschlüssele alle wichtigen Nachrichten, also beispielsweise jene an Laura Poitras. Außerdem bin ich vorsichtig, wenn ich mich an einem Ort unterhalte, der vielleicht abgehört wird - also in meinem Haus oder im Auto. Am Telefon bespreche ich so wenig wie möglich.

Wenn Sie jetzt auf Ihre Enthüllungen zurückblicken, was würden Sie sagen: Was hat sich seitdem weltweit verändert?

Es gab ein paar Dinge, die wir unbedingt erreichen wollten: die Menschen weltweit zu befähigen, ihre eigene Privatsphäre, ihr eigenes Internet, ihre eigene Welt selbst kontrollieren zu können - und dafür mussten wir sie informieren. Wir wollten erstmals eine globale Debatte lostreten über den Wert der Privatsphäre im digitalen Zeitalter, über die Rolle der USA in der Welt, über die Arbeit von Journalisten und über die Gefahren, die von Regierungen ausgehen, die ihre Macht im Verborgenen ausüben. Ich glaube, das haben wir erreicht. Denn hunderttausende Menschen reden nun schon ein Jahr lang über diese Themen. Zudem gibt es Überlegungen, das Internet so umzubauen, dass es nicht mehr so sehr an amerikanischer Infrastruktur hängt und vor dem Zugriff der US-Regierung abgeschirmt ist.

Glauben Sie, dass es möglich ist, diese Dominanz der USA tatsächlich zu brechen?

Amerika hat das Internet zwar entwickelt, aber es muss nicht zwingend sein, dass jede E-Mail zum Beispiel aus Korea über die USA läuft. Brasilien verlegt gerade ein kompliziertes System von Unterwasserglasfaserkabeln, das nach Portugal führt. Und ich denke, das wird sich mehr und mehr durchsetzen. Auch andere Länder können sich so von USA unabhängig machen und damit der US-Überwachung ein Schnippchen schlagen.