Wien. (bau) ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hat offenbar eine "kleine Bitte" an die Bundesregierung. Es gebe "kurzfristigen Änderungsbedarf" beim ORF-Gesetz, erklärte der ORF-Chef am Mittwoch im Publikumsrat. Hinter Floskeln "Weiterentwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen" verbirgt sich allerdings ein ziemlicher Hammer - zumindest aus Sicht der privaten Radioszene. Denn der ORF möchte für 2015 einen "Test des jungen Radioprojekts FM21" im Rahmen des Digitalradiotests DAB+ durchführen". Das bedeutet: Im Rahmen eines offenbar geplanten Textlaufs des digitalen Radios DAB+ will der ORF einen neuen Jugendsender lancieren.

Das Radioprojekt FM21 sei dafür gedacht, die jüngere Zielgruppe besser ansprechen zu können. "Wir würden eine zusätzliche Radiokette benötigen, die sich speziell an junges Publikum wendet", so Wrabetz, da man mit Ö3 einen "großen Spagat" vollbringen müsse und FM4 als "junges, alternatives Kulturradio" eine andere Aufgabe erfülle. "Wir stehen hier unter Druck von diversen kommerziellen Radios, was Ö3 alleine nicht bewältigen kann." Dieser Druck lässt sich durch Zahlen jedoch kaum nachvollziehbar belegen. Hält der ORF doch auch Jahre nach dem Start des Privatradios 74 Prozent Marktanteil (10+).

Als Zielgruppe schweben dem Generaldirektor die 14- bis 24-Jährigen vor. Um dauerhaft ein bundesweites Radioangebot implementieren zu können, fehlen allerdings der gesetzliche Auftrag sowie die dafür notwendige Frequenz. Deshalb soll der Testbetrieb des Digitalradiostandards DAB+, der 2015 kommen soll, als Testfläche für FM21 in Ostösterreich dienen - in Abstimmung mit der Medienbehörde.

Allerdings würde eine entsprechende Änderung des Versorgungsauftrages im ORF-Gesetz wohl nicht auf das digitale Radio beschränkt bleiben. Sprich: Es könnte - digital hin oder her - durchaus auch in den analogen Markt migrieren - ein glatter Affront für die Privatradios.

In puncto gesetzlicher Rahmenbedingungen will sich Wrabetz "nicht auf eine große Gesamt-ORF-Reform kaprizieren", (die im Übrigen im momentanen politischen Klima wenig Chancen auf Umsetzung hätte) sondern in erster Linie ein "paar brennende Themen" vorantreiben: Dazu zählte die Aufhebung des Reminder-Verbots, eine größere Freiheit bei mobilen Angeboten, eine Verfahrensvereinfachung für neue Angebote generell, das Crosspromotion-Verbot ORFIII betreffend sowie eine Liberalisierung der Medienwerbung. Man befinde sich "in Gesprächen".

ORF erreicht 92,9 Prozent

Kurz vorgestellt hat Wrabetz auch erste Ergebnisse einer Touchpoint-Studie, mit der die Kontakte des Publikums mit allen ORF-Medien erhoben wurden. Demnach kommt der öffentlich-rechtliche Sender mit seinen Angeboten auf eine Reichweite von 92,9 Prozent bei Österreichern ab 14 Jahren. An erster Stelle liegt ORF2 mit 49,8 Prozent vor Ö3 mit 43,1 Prozent und ORFeins mit 37,9 Prozent. Im September wurden dafür 4000 Personen befragt. Da die divergierenden Messsysteme für TV, Radio und Online Überschneidungen nicht darstellen können, sei diese zusätzliche, medienübergreifende Systematik getestet worden und soll künftig drei bis viermal pro Jahr eingesetzt werden. Im Rahmen der European Broadcasting Union (EBU) sei auch angedacht, dieses Betrachtungsinstrument europaweit zu implementieren.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz verteidigte auch die teure Beratung durch Boston Consulting. "Wenn es um Struktur- und Strategieentscheidungen geht, die sehr große Auswirkungen haben, ist es vertretbar, in Beratung zu investieren."