Die Anti-Islambewegung Pegida definiert im Punkt 13 ihres Grundsatzpapiers die "Abendlandkultur" als "jüdisch-christlich". Das ist falsch. Das Abendland ist längst nicht mehr jüdisch-christlich, es ist aufgeklärt. Die jüdisch-christliche Kultur ist Teil dieses aufgeklärten Abendlands. Der Islam kann es auch sein - wenn er dazu bereit ist.

Ist er es?

Die Frage ist legitim angesichts von 12 Toten in Paris. Der terroristische Akt richtete sich gegen die Redaktion des Satire-Magazins "Charlie Hebdo". Drei Attentäter stürmen die Redaktion. Ihr Ziel sind vier Cartoonisten. Sie ermorden sie, die anderen Toten sind Kollateralschäden. Das Vergehen der Cartoonisten: Sie haben Mohammed-Karikaturen gezeichnet. Für den fundamentalistischen Muslim ist die bildliche Darstellung Mohammeds ein Sakrileg, die Verspottung des Propheten ein todeswürdiges Vergehen. So steht es im Koran und in den Hadithen.

Koran und Hadithe können im aufgeklärten Europa indessen ebenso wenig als Rechtsgrundlage akzeptiert werden wie die Tora, das Neue Testament, die Veden oder das Avesta. Wer das religiöse Recht über das Bürgerliche Gesetzbuch stellt, handelt antiaufklärerisch. Deshalb richtet sich der Terrorakt von Paris nicht nur gegen Cartoonisten, er ist ein Anschlag auf den höchsten Wert des Abendlandes: die Aufklärung.

Doch das Abendland hat dieser Aufklärung längst selbst einen Maulkorb verpasst. Die politische Korrektheit verbietet oft die Nennung von Fakten und Zusammenhängen. Stehende Formeln haben sich als quasi verbindlich in den Sprachgebrauch eingeschlichen. So haben westliche Politologen eine Trennung zwischen "Islam" und "Islamismus" eingeführt. Das Leben der friedlichen Muslime wird dem Islam zugerechnet, der Terror dem Islamismus. Ist es so einfach, angesichts dessen, dass Recep Erdogan 2008 sagte: "Es gibt keinen Islam und Islamismus. Es gibt nur einen Islam. Wer etwas anderes sagt, beleidigt den Islam." Hat für den streng gläubigen Muslim der westliche Soziologe mehr Deutungshoheit als der türkische Präsident?

Die Macht der Kritik

Die Trennung zwischen Islam und Islamismus entspricht einer Trennung zwischen Christentum und Christenismus, wollte man die Hexenverbrennungen diesem und die Armenspeisungen jenem zurechnen. Es gehört zur Aufklärung, nicht das wohlige Gefühl zu suchen, sondern unangenehme Fakten zur Kenntnis zu nehmen und an ihnen Kritik zu üben. Erspart man dem Islam die Kritik (und Satire ist eine Form der Kritik), hat er keinen Grund, eine Aufklärung zu vollziehen.

Genau diese Kritik hat sukzessive die Macht der Kirche gebrochen und eine säkulare Gesellschaftsordnung geschaffen, in der, salopp gesagt, jeder glauben und nicht glauben kann, was er mag, und diese Meinung auch ohne Gefährdung von Leib und Leben vertreten kann. Für diesen zentralen Wert steht das aufgeklärte Abendland. Dem Christentum gegenüber wird dieser Wert jederzeit vertreten. Ist es nicht an der Zeit, ihn auch gegenüber dem Islam zu vertreten, statt den Islam wie ein leicht zurückgebliebenes Kind unter Schutz zu stellen und nach Möglichkeiten zu suchen, jeden Fehler zu pardonieren und jede Schwachstelle des Glaubenssystems wegzureden? Aufklärung bedeutet, auf Fehler und Fehlentwicklungen hinzuweisen, nicht nach Entschuldigungen für sie zu suchen.

Auch gläubige Christen mussten sich erst daran gewöhnen, dass das Christentum einer massiven außerchristlichen Kritik unterzogen wird und dass es bisweilen auch verletzende Darstellungen gab - vom Film "Monty
Python’s Life of Brian" über Gerhard Haderers Jesus-Comic bis hin zu den Cartoons des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo". Aufgeklärte Christen ärgern sich (manche lachen sogar oder freuten sich über die anregenden Diskussionen), weniger aufgeklärte strengen Gerichtsverfahren an, beten Rosenkränze (oder warfen, etwa bei der Uraufführung von Gottfried von Einems Oper "Jesu Hochzeit", auch mal eine Stinkbombe). Aber die Künstler, die sich das Christentum vornahmen, haben überlebt. Wäre es hingegen nach den Hütern des Islam gegangen, wäre der indisch-britische Autor Salman Rushdie heute nicht mehr am Leben. Und Stéphane Charbonnier, die Zeichner Jean Cabut, Bernard Verlhac, Philippe Honoré, Georges Wolinski und Bernard Maris sind tot.

Problemzone Theokratie

Doch Vorsicht! - Was in Paris geschehen ist, hat wohl mit dem Islam zu tun, und zweifellos kommt der antiaufklärerische Druck, der in Europa am stärksten zu spüren ist, von Seiten der Muslime. Sie entfesseln aber nicht als Einzige einen antiaufklärerischen Sturm.

Im Grunde ist jedes theokratische System aufklärungsfeindlich. In diesem Zusammenhang ist völlig gleichgültig, ob es eine christliche oder eine islamische Theokratie ist. Der Fehler liegt nicht im Islam oder im Christentum, sondern im System einer rein religiös legitimierten Herrschaft mit einem rein religiös legitimierten Rechtssystem.

Die Trennlinie ist klar auszumachen: Wird im Fall einer Kollision des bürgerlichen Gesetzeswerks mit dem religiösen Grundlagenwerk Letzterem der Vorzug gegeben, steht man außerhalb der Aufklärung und damit außerhalb des westlichen Wertesystems.